Die Bartholomäusnacht
Eine historische und von persönlicher Meinung dominierte Abhandlung von Annika Wolff






Prolog
 
 

Die Ereignisse vor, während und nach der Bartholomäusnacht zu beschreiben, stellt für mich eine große Hürde dar, einmal aus persönlicher Hinsicht, da ich sie schon beschrieben habe, meine Aufzeichnungen jedoch verloren gingen. Verständlicherweise, wie ich hoffe, fällt es mir schwer, etwas vollkommen Neues zu schaffen und mich immer wieder zu zwingen, dieses Neue nicht mit dem Alten, schon Geschriebenem, dessen Fragmente noch in meinem Kopfe schwirren, zu vergleichen. Andererseits ist es für mich - wie wohl auch andere, die sich an dieses geschichtliche Thema wagen - eine Herausforderung, die wenigen wahren Fakten und zumindest Glaubwürdiges herauszufiltern aus der Unzahl von Gerüchten, Legenden, Märchen und unsinnigen "Tatsachenberichten", die sich um diese Zeit ranken. Der Leser wird also verstehen, wenn ihm manches Mal ein "man sagt, daß", ein anderes Mal ein "es könnte sein, daß es sich zutrug" entgegenläuft und ihm immer wieder ein "ich denke, daß" zuwinkt, während ich schriftlich oder nur gedanklich Möglichkeit von Unwahrscheinlichkeit sondiere.
Ich möchte hier jedoch keineswegs eine trockene Aufzählung der Geschehnisse niederlegen, statt dessen will ich unterhalten, durch Vergleiche, epische Umschreibungen, eine Spur Ironie und vielleicht ein bißchen Humor in angebrachter Form diesen Teil der Geschichte Frankreichs und Europas Menschen näher bringen, die vielleicht niemals auch nur auf die Idee gekommen wären, sich dieses Wissen anzueignen und von denen manche kein Wort davon je gehört haben.
Man stelle sich also vor, ich sitze dem Leser gegenüber und erzähle frei heraus von etwas, das mich nicht nur interessiert, sondern an dessen Stoff mich auch groteske Faszination näht.

 
 


Vorher
 























































Jeanne d'Albret, Königin von Navarra




















Catherine de Medici




























Catherine de Medici


Zwischen 1562 und 1598 herrschten acht Kriege in Frankreich. So sagt man. Eigentlich war es nur einer, ein langer, schrecklicher, vernichtender Krieg, siebenmal unterbrochen durch Friedensedikte und wieder heraufbeschworen durch Eidesbruch, Verrat, der Sucht nach Macht und Intoleranz. Der sogenannte Bürgerkrieg, die sogenannten Religionskriege, alles derselbe ebenso erbitterte wie sinnlose Kampf von Franzose gegen Franzose, Bruder gegen Bruder.
Sein Ursprung indessen ist sehr viel früher anzusiedeln.
Etwa um 1174 beginnt ein Kaufmann aus Lyon, Petrus Valdes, Latein zu lernen und sich mit der Bibel zu befassen. Er ist kein Geistlicher, daher nicht berechtigt, dieses heilige Buch zu lesen oder auch nur zu besitzen. Trotzdem tut er es, und er tut noch mehr: Er versammelt einfaches Volk um sich, erzählt ihm, was wirklich in der Bibel steht, vor allem in den Evangelien, und beeinflußt es so, den Pfarrern kein Wort mehr zu glauben. Ablaßhandel! Nirgends in der Bibel steht, man müsse Geld zahlen, um seine Sünden zu büßen, im Gegenteil, hat Jesus nicht sogar zu Maria Magdalena, der vermeintlichen Hure, etwas Ähnliches gesagt wie: "Du bereust, also sei dir vergeben"?
Diese kleine Gruppe, deren Mitglieder sich fortan Waldenser nennen, wettert immer lauter gegen den Ablaß, die Todesstrafe, den Reichtum der Kirche und den Predigten über das Fegefeuer - und sie wächst stetig. Keine große Gefahr, glauben die aufeinander folgenden Könige, lassen hier und dort ein paar Köpfe rollen, sie Jahrhunderte lang als Ketzer verfolgen und gestatten den Überlebenden, zu fliehen. Viele führt die Flucht in die Schweiz, nach Genf, wo sie 1533 auf den Franzosen Johannes Calvin treffen. Auch er ist ein Flüchtling, des Irrglaubens bezichtigt. Calvin ist ein guter Redner, er verfaßt seine "Institutio", in der er seine Grundideen zur Reformation der katholischen Kirche festhält und kein Blatt vor den Mund nimmt, um gegen Pfarrer und ihre Predigten vorzugehen. Dieses Zitat ist ein eher harmloses Beispiel dafür:

"Vorsehung - das muß der Leser festhalten - bedeutet also nicht, daß Gott müßig im Himmel betrachtete, was auf Erden vor sich geht, sondern im Gegenteil, daß er gewissermaßen das Ruder hält und also alle Ereignisse lenkt. [...] Wenn Abraham zu seinem Sohne sagte: "Gott wird's versehen" (Gen. 22, 8), so wollte er damit nicht nur behaupten, Gott sähe zukünftige Geschehnisse voraus [...] Daraus folgt, daß die Vorsehung Gottes in seinem Wirken besteht, und deshalb ist es unklug, wenn einige von einem bloßen Vorherwissen Gottes schwatzen. [...] Da übergehe ich die Epikuräer - von dieser Pest war die Welt je und je erfüllt! -, die sich einen müßigen und faulen Gott erträumen, auch andere, die keineswegs vernünftiger waren, die einst meinten, Gott beherrsche nur die mittlere Luftregion und überließe dabei das darunter Vorgehende dem Schicksal - denn gegen einen derart offenkundigen Wahnsinn erheben schon die stummen Geschöpfe genugsam Einspruch!"
(Johannes Calvin: Institutio, Buch III, "Das Wesen der Vorsehung")

Calvin gewinnt mehr und mehr Einfluß, eine ganze Gemeinde bildet sich um ihn, auch die Waldenser nennen sich nun Calvinisten. Bald ist die ganze Republik Genf reformiert, woran Calvin jedoch nicht nur mit Worten teilhat, manche sogar unter Folter zur Bekehrung zwingt. Auch in Frankreich bilden sich immer mehr Gemeinden nach dem Genfer Vorbild. Vor allem im Süden, weitab vom Thron und dem königlichen Hof, stellt sich der Boden als fruchtbar heraus. Ein kleines Land in den Pyrenäen, eingezwängt zwischen den katholischen Großmächten Frankreich und Spanien, das kleine bäuerliche Navarra, ist gänzlich reformiert und spuckt nur noch Hugenotten aus. Seine Königin Jeanne d’Albret, selbst Hugenottin, läßt ihr Volk allein über seine Religion entscheiden, jeder darf glauben, was er will, aber natürlich sähe sie Hugenotten in ihrem Lande lieber.

Der Ursprung der Bezeichnung Hugenott stammt übrigens sehr wahrscheinlich von einer Anspielung auf das Wort aignos [Ähnnjoh] - Eidgenossen, das auf die Verbindung zu Genf zeigt, auch wenn manche Quellen behaupten, es lasse sich vom Namen des Genfer Freiheitskämpfers Besancon Hugues ableiten, der allerdings nur wenig mit den Ideen der wirklichen Reformation zu tun hatte. In jedem Falle ist es allerdings als Beleidigung entstanden. Katholiken nannten sie auch Spitzköpfe wegen der Form der Hüte, die manche stolz trugen, oder auch weil sie sie für zu spitzfindig hielten. Wie auch immer, die Bezeichnung Hugenott hat sich durchgesetzt und so werde auch ich sie hier öfter gebrauchen.

Jeanne d’Albret, um zurückzukehren, hatte unter ihren Kindern einen besonderen Sohn, Henri de Navarre genannt, auf den wir später auf jeden Fall immer wieder treffen werden.
Zu dieser Zeit am französischen Hofe regierte Henri II., erbitterter Gegner und Verfolger der Hugenotten, der mit vierzehn Jahren ein junges italienisches Waisenmädchen und sogenannte Nichte des Papstes (sogenannt, weil nur als solche angesehen, nicht einmal adoptiert), Katharina de Medici, heiratete. Nun, das klingt, als hätte er es freiwillig getan, wovon keine Rede sein kann und was zu dieser Zeit auch nie in Frage gekommen wäre. Hochzeiten waren von rein politischer Natur, die Paare wurden wie Figuren auf einem Schachbrett aneinander gestellt oder voneinander gerissen, je nachdem was günstig für die Profitierenden war. Nichtsdestotrotz war Katharina von diesem großen starken Jüngling sehr angetan und liebte ihn zeit ihres Lebens sehr. Er hingegen war entbrannt von Liebe für die zur Zeit der Heirat vierunddreißigjährige Diane de Poitiers, die alsbald auch zu seiner Mätresse wurde. Als Königin wurde Katharina also in die Ecke des Schlosses gestellt und hatte kaum etwas zu sagen. Ihrer Intelligenz und der politischen Finesse, die ihr Machiavellis Schriften einflößten und die sie nie mehr verlassen, die ihr später allerdings so manchen Irrtum bescheren sollte, ist es zu verdanken, daß sie sich fügte und ihre Rolle genügsam und abwartend spielte. Außerdem blieb sie zehn Jahre kinderlos, ein Umstand, der ihr berechtigterweise immer mehr Angst vor einer Annullierung der Ehe einflößte, der allerdings nicht daher rührte, daß der König ihr Schlafzimmer nicht aufsuchte, dafür sorgten Minister, Abbés und früher auch der Herr Papa, König Francois I.
Daß sie ihm schließlich doch neun Kinder gebar, von denen sechs überlebten, läßt zu Spekulationen hinreißen, denen sich viele Historiker hingaben, die von Kräutern, Voodoo und gewissen Mittelchen erzählen. Wahr ist allerdings, daß sie eine florentinische Schar um sich reihte, darunter Astrologen, Alchemisten und der berühmt-berüchtigte Parfumeur René, der weniger in Düften, vielmehr aber in der Kunst des Giftmischens bewandert gewesen sein soll. Wahr ist ebenso, daß sie jede Menge Kräuter, Tropfen und Salben mit sich herumschleppte, eine kleine "Apotheke für und gegen alles". Wahr ist auch, daß man sich noch heute im Schloß von Blois ihre Gemächer ansehen kann, in denen sich nach Treten auf bestimmte Stellen auf dem Fußboden kleine Schubfächer in der Fußleiste öffnen, in denen man allerlei Dinge aufbewahren kann. Und wahr ist auch, daß Jeanne d’Albret, die Königin von Navarra starb, kurz nachdem Katharinas René ihr ein Paar schöner Handschuhe schenkte. Ob der Stoff der Handschuhe wirklich vergiftet war und das Gift sich nach Hautkontakt von den Fingern im ganzen Körper ausbreitete, darf durchaus bezweifelt werden.
Der verwaiste Sohn allerdings, Henri de Navarre, bezweifelte die Schuld des Giftes in keiner Weise, manche sagen, er schwor sogar Rache.

König Henri II stirbt. Bei einem Turnier, indem er zu Pferde mit einem Speer auf einen ebenso bewaffneten Gegner zustürmte, verletzte er sich schwer. Die Speerspitze des Gegners rammte sich durch den Helm direkt in sein Auge. Zunächst denkt man, er hätte nur das Sehvermögen auf einer Seite verloren, doch bald ist klar, daß ein Holzsplitter sehr tief sitzt und sich entzündet hat. Der Welt beste Ärzte und Chirurgen lassen also vier Gefängnisinsassen köpfen, rammen durch deren Augen einen ebensolchen Speer und experimentieren auf diese Art auf der Suche nach der richtigen Behandlung für den König. Kurz nachdem sie sicher sind, wie sie vorgehen werden und sich endlich entschlossen haben, den König zu operieren, immerhin schon zehn Tage nach der Verletzung, hat es keinen Sinn mehr, denn der König stirbt nun doch. Katharina, immer in der Hoffnung gewesen, er könne über ihren kleinen Wuchs, die typisch vorstehenden Medici-Augen und den gelblichen Teint der Haut hinwegsehen und sie letztlich doch noch lieben, trägt von diesem Tag an den Rest ihres Lebens nur noch schwarz, was ihr aus verständlichen Gründen den Spottnamen "Schwarze Witwe" einträgt, der sich nun mit dem verächtlichen Ruf "Italienerin" oder "Florentiner Hexe" um den Rang streitet.
Henri II folgt sein Sohn Francois II auf den Thron, der die Engländerin Maria Stuart heiratet. Sie und Katharina verstehen sich sehr gut, die Medici überläßt ihr sogar ein altes Geschenk von ihrem "Onkel", dem Papst: ein kostbares juwelenbesetztes Collier, das sich noch heute im Besitz der englischen Krone befindet. Doch knapp zwei Jahre später stirbt auch Francois, so daß nun Charles IX den Thron besteigt. Der allerdings ist noch minderjährig und so bekommt Katharina endlich die legitime Chance, an seiner Statt für drei Jahre zu regieren, was sie durchaus lobenswert auch hinbekommt.
Katharina verfolgt nur ein Ziel: den Frieden zu erlangen und zu festigen. Dieses folgende "Nachwort", das die Person der Medici besser beschreibt, als ich es je könnte, lief kurz nach ihrem Tod in den Straßen von Paris um:





















Johannes Calvin







































Kreuz der Hugenotten
































Catherine de Medici mit ihren Kindern (v. links n. rechts):Francois d'Alencon - der Jüngste, Charles, Marguerite und Henri d'Anjou
 

La reine qu ci-gît fut un diable et un ange
toute pleine de blâme et pleine de louange
Elle soutint l'Etat et l'Etat mit à bas;
Elle fit maints accords et pas moins de débats;
Elle enfanta trois rois et cinq guerres civiles;
Fit bâtir des châteaux et ruiner des villes
Fit bien de bonnes lois et des mauvais édits
Souhaite-lui, passant, Enfer et Paradis.
(Vox populi)

Die Königin, die hier liegt, war Teufel und Engel,
häufte Schande und Lob auf sich.
Sie hielt den Staat zusammen, und der Staat riss sie nieder;
Sie erreichte Einvernehmen und nicht weniger Streit;
Sie gebar drei Könige und fünf Bürgerkriege,
Ließ Schlösser bauen und Städte ruinieren,
Erließ gute Gesetze und schlechte Edikte.
Wünsche ihr, Wanderer, die Hölle und das Paradies.
(Stimme des Volkes;
keine offizielle Übersetzung!)
Catherine de Medici





Charles IX., König von Frankreich von 1560 bis 1575































Henri de Navarre, König von Navarra



Um den Frieden zu erreichen, tendiert sie manchmal zum strengen Katholizismus, manchmal auch zum Calvinismus, je nachdem was gerade einträglicher ist. Sie stellt sich mit dem Admiral Gaspard de Coligny, dem Führer der Hugenotten, gut, ab und zu auch mal wieder mit der Familie de Guise, eine einflußreiche katholische Adelsgemeinschaft, die durch ihre lothringische Herkunft durchaus eines Tages Anspruch auf den Thron erheben könnte und genau diesen Thron stetig zu erreichen sucht.
Kurz, Katharina wollte nichts anderes als Frieden im Frankenreich und so erläßt sie 1563, kurz nach Beginn des ersten Krieges, das Edikt von Amboise, das den Hugenotten volle Religionsfreiheit gewähren sollte. Auch als kurz danach Charles für mündig erklärt wird und offiziell den Thron besteigt, behält sie die Fäden in der Hand. Das ewig kränkelnde, schwer erziehbare, in seinen Stimmungen und Launen nie stetig gewesene und dem Wahnsinn fast anheim fallende Muttersöhnchen läßt sich auch leicht beeinflussen. Ob Admiral Gaspard de Coligny, der Hugenottenführer, das auch bemerkt hatte und nutzen wollte oder ob er ihm ehrlich zugetan war, ist schwerlich genau zu bestimmen. Doch gewann er schnell die Gunst des Königs, der ihn des öfteren sogar Papa nennt. Der Admiral indes verfolgt eine besondere Art von Friedensplan: Er will Krieg führen, und zwar gegen das von Spanien besetzte Flandern, aber nicht mit einer rein protestantischen Armee, sondern ganz Frankreich, also auch dem katholischen Teil der Bevölkerung. Dieses Vorhaben hingegen widersetzt sich Katharinas Wünschen, und überhaupt, was hat dieser Mensch ständig mit ihrem Sohn zu tuscheln? Er wird gefährlich, er muß weg! Was läge da näher als Meuchelmord? Doch Vorsicht, warten wir einmal ab, wie sich die Spannungen zwischen Hugenotten und Katholiken entwickeln.

Katharina verfolgt weiter ihr Ziel vom Frieden, von einem vereinten Frankreich, egal welcher Religion die einzelnen Gemeinden angehören. In ihr verfestigt sich eine Idee, deren Ausführung gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen soll: Zunächst würden Hugenotten und Katholiken wieder zu einem einzigen französischen Volk zusammenwachsen. Damit wären England, das die Hugenotten unterstützt, und Spanien, das der französischen Katholiken-Krone zugetan ist, nicht gleichzeitig auf Frankreich sauer, denn niemand hätte verloren, der Krieg wäre sinnlos und die darin verstrickten Länder könnten ihre Staatskassen wieder ein wenig füllen. Und schließlich würde der älteste Sproß der Guise-Familie, Henri, einen Denkzettel verpaßt bekommen. Der tändelt nämlich schon seit geraumer Zeit mit der Königsschwester Marguerite de Valois, genannt Margot, die sich ihrerseits mit gerade mal siebzehn Jahren dieser Mondscheinromanze gerne hingab. Und das sahen weder die Königinmutter Katharina gern, die der Familie Guise nun doch nicht gar soviel Freiraum am Hofe lassen wollte, noch ihre Brüder, der König Charles IX, der Herzog Henri d’Anjou und der junge Herzog Francois d’Alencon, die für ihre Schwester nur das Beste wollten, da sie sie innig liebten - vielleicht zu sehr liebten; man liest immer wieder das Wort Inzest in Familienchroniken, manchmal auch von Vergewaltigung. Wieviel an diesem Gerücht wahr ist, darf sich der Leser selbst wünschen.
Diese drei Fliegen sollten also mit einem Handstreich erschlagen werden. Katharina nimmt sich das metaphorische Schachbrett der politischen Hochzeiten vor und schiebt ihre Tochter, die Dame Margot direkt neben den König des Gegners, Henri de Navarre.




















Admiral Gaspard de Coligny, großer Feldherr und Führer der Hugenotten













Prinzessin Maguerite de Valois als Kind
 


Währenddessen
 
 

Am 18. August 1572 - das Datum steht nicht genau fest, man liest immer wieder Varianten vom 17. bis zum 23. August; da jedoch der 18. öfter auftaucht, soll uns dieser Tag als Richtzeit dienen - am 18. August 1572 also befand sich ganz Frankreich in Aufruhr. Eine Hochzeit sollte in der Hauptstadt gefeiert werden, viele berühmte Personen haben sich aus diesem Anlaß in Paris eingefunden, darunter auch Admiral Coligny mitsamt seinem protestantischen Gefolge. Paris ist überfüllt, die Reisenden müssen in den Gassen schlafen, da kein Bett mehr frei ist. Drückende Hitze herrscht, Gestank, der unsereins ohnmächtig werden läßt; auf die Idee von öffentlichen Badeanstalten und einem Kanalisationssystem war noch niemand gekommen. Und trotzdem sind die Menschen hocherfreut, aufgeregt, an der großartig propagierten Vermählung teilhaben zu dürfen, manche vielleicht ein wenig skeptisch, ob der vielseitig versprochene Friede auch eintreten würde, einige wenige nur anwesend, um zu spotten und nach einem Scheitern ausrufen zu können: "Ich hab’s euch ja gesagt!"
Notre-Dame ist mit Blumen geschmückt, der Platz davor mit Blumen übersät, Blumen an den Hüten der Leute, Blumenranken an den Säulen und Torbögen. Das junge Paar wird vermählt, halb draußen vor Notre-Dame, halb innen stehend, denn gleich, was Patrice Chéreau in seinem Film zeigt oder auch andere über diese Szene schreiben: Henri de Navarre weigerte sich hartnäckig, die katholische Kathedrale zu betreten.
Ja, die Hochzeit findet statt, trotz kurzem Zögern von Seiten Margots. Mit großem Getöse fährt das Paar zurück in den Louvre, wo es seine Hochzeitsnacht verbringt - Margot mit Henri de Guise und Henri de Navarre im Bett der jungen Charlotte de Sauves. Nicht daß sie sich nicht mochten, nein, sie waren sich eben nur fremd. Sie mußten sich einander langsam annähern, Margot sich an das "stinkende Tier ohne Kamm" gewöhnen, Henri die "papistische Königshure" erst kennenlernen. Eine Woche später werden sie Freundschaft geschlossen haben.

Das Volk indessen wird unruhig. Die Feierlichkeiten sind vorbei, alles Geld ist ausgegeben, ständig stoßen Hugenotten auf Katholiken und die Hitze drückt noch immer. Es braucht wenig, um ein Feuer lodern zu lassen und ob nun absichtlich oder aus Versehen gezündet, ein Funke trifft auf Stroh.
Am 22. August, also vier Tage nach der Hochzeit, fällt ein Schuß auf den Straßen von Paris. Er trifft sein Ziel, den Admiral Gaspard de Coligny, der von einer geheimen Ratssitzung mit dem König auf dem Weg vom Louvre zu seinem Haus war. Er wird nicht getötet, die Kugel hat ihm lediglich den Arm zerfetzt. Und was macht das schon einem Gaspard de Coligny, dem auf dem Schlachtfeld die Wange durchbohrt und vier Zähne ausgebrochen wurden? Er versucht, seine Eidgenossen zu beruhigen, von einem Anschlag könne keine Rede sein, es sei wahrscheinlich nur ein mißglückter Raubüberfall gewesen. Die Banditen hätten wohl nicht gewußt, wen sie ausrauben wollten. Doch die Hugenotten lassen sich nicht abkühlen. "So sieht der versprochene papistische Frieden aus? Nein, vielen Dank!" schreien sie dem König und der Königinmutter zu, die einen Krankenbesuch abstatten. Und so ganz Unrecht scheinen sie nicht zu haben: Es stellt sich heraus, daß der Schütze ein gewisser Maurevel ist, der gleiche, der ein paar Jahre zuvor schon einmal auf den Admiral angesetzt wurde, auf Befehl der Guisen. Und er schoß auch diesmal aus ihrer Pistole. Später wird dieser Mann den Beinamen "königlicher Totschläger" bekommen. Nun ist es jedoch wiederum Spekulationen vorbehalten, wer den Befehl dieses Mal gab. Viele Quellen weisen hier auf Katharina de Medici. Zur gegenwärtigen Zeit wird die Schuld den Guisen zugeschieben - geais [gäh], Häher, wie die Hugenotten sie nannten. Und wirklich, Henri de Guise flüchtet noch zur selben Stunde aus der Stadt, aus Angst vor der Rache der Hugenotten, vielleicht auch vor dem König, der um seinen Nenn-Papa weint. Zwei Tage später kehrt er zurück.

Gründe, die genannt werden, unzählige Versionen und Schuldzuweisungen nach allen Seiten über das darauf Geschehene lassen sich kaum überblicken. Die am häufigsten zu lesende Variante beschreibt, daß die miteinander Konspirierenden Katharina de Medici und Henri de Guise den König Charles IX dazu überredeten, seine Zustimmung zu einem Plan zu geben, der vorsah, auch die anderen hohen Mitglieder der hugenottischen Partei zu ermorden - jetzt, wo der Anfang in Gestalt des Attentats auf den Admiral schon einmal gemacht worden war. Verzweifelt und in die Enge getrieben, stimmte Charles zu, wobei er den denkwürdigen Satz gesagt haben soll: "Ja, tötet sie. Aber tötet sie alle! Keiner darf übrig bleiben, damit keiner mir später Vorwürfe machen kann!"

Die Bartholomäusnacht - Kupferstich von Gaspard Bouttats

Das Morden beginnt im Louvre. Die Gefährten des frisch Vermählten werden aus ihren Betten gezerrt, ihre Leibgarden niedergestochen. Auf den Gängen fallen Schüsse, Kehlen werden durchschnitten. Die Hugenotten werden wie Ratten in die Ecke getrieben und zerfleischt. Auch Henri selbst wird gefangengenommen und vor des Königs Füße geworfen. Zum Alarm läuten die Glocken der nahen Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois. Und als hätten sie auf dieses Zeichen gewartet, stürmen aus allen Türen Katholiken, mit Messern, Büchsen und Speeren bewaffnet. Weiße Kreuze an Hüten und Ärmeln lassen sie einander erkennen und weiße Kreuze an den Häuserwänden kennzeichnen die Wohnungen der Hugenotten. In Banden rotten sie die Hugenotten zusammen, stoßen notfalls mit Heugabeln auf sie ein, treten die im Rinnstein Liegenden, spalten Schädel mit der Axt und stechen wahllos in Verletzte und Leichen. Frauen und Kinder rennen um ihr Leben und direkt in die Spitzen der Hellebarden hinein. Manche laufen zum Fluß, um ein Boot ans andere Ufer zu ergattern. Doch in grausamer Voraussicht wurden alle Boote versenkt und so haben sie die Wahl zwischen den Fluten und ihren Mördern.
Admiral de Coligny wird heimgesucht von hundert Katholiken. Sie stürmen in sein Haus, metzeln seine Angehörigen nieder, zerren den alten verletzten Mann aus dem Bett, stoßen ihm den Dolch in die Brust und werfen ihn aus dem Fenster. Er soll gesagt haben: "Ich werde gerächt werden", kurz bevor Henri de Guise gegen seinen Kopf trat. Sein Körper wird aufgeschlitzt, die Gedärme zutage gefördert. Katholiken laufen zu seinem Haus wie zu einer Pilgerstätte und baden ihre Hände in seinem Blut. Seine Leiche (manche sagen auch nur der Kopf) wird auf der Place de Grève, dem Richtplatz an den Galgen gehängt.
Wer ein persönliches Anliegen hat, besucht seinen Schuldner und schneidet ihm den Bauch auf. Oranges Licht von tausend Fackeln leuchtet über Paris in dieser Nacht. Schreie dringen aus jeder Ecke. Die Seine färbt sich rot von Blut.
Am Tag danach werden die blutdurstigen Katholiken gnädig: Sie fragen ihre Opfer, ob sie sich vor ihrem Tod noch schnell bekehren lassen wollen. Doch nur wenige schwören ihrem Glauben ab.
Drei Tage und drei Nächte dauert das Massaker in Paris an. Die über tausend Leichen werden in Massengräbern verscharrt oder einfach in den Fluß geworfen. Man sagt, die Seine trug mehr Kadaver mit sich als Eisschollen im Winter. Und auch in den umliegenden Provinzen wird gemordet. Es sterben um die zwanzigtausend Menschen.
Und was tat der König zu dieser Zeit? Manche berichten, er stand am Fenster und schoß auf jeden Vorbeikommenden, der kein weißes Kreuz trug. Andere behaupten, er wälzte sich auf dem Boden und schrie: "Mein Gott, verzeih mir! Was habe ich getan?"












































Admiral Gaspard de Coligny, großer Feldherr und Führer der Hugenotten
 


Nachher
 
























Charles IX, König von Frankreich 1560 - 1575




















































Henri de Navarre, König von Frankreich als Henri IV. 1589 - 1610


Henri de Navarre ist verschont worden, auf inständiges Flehen seiner Gattin Margot. Schon Tage zuvor ist er zu ihr gekommen und hat sie um Hilfe gebeten: Er fühle sich wie ein Gefangener, überall sähe er seine Mörder im Schatten stehen. Er habe Angst. Auch Margot fürchtet sich, sie traut weder ihren eifersüchtigen Brüdern, noch ihrer eigenen Mutter, denn wenn wir ihren Memoiren Glauben schenken dürfen, wozu ich durchaus geneigt bin, widersprach sie ihr in unerträglichen Angstzuständen, wagte kaum, freimütig zu sprechen und erzitterte, wenn sie sie nur ansah. Das junge Ehepaar, beide gerade neunzehn Jahre alt, geht also ein Bündnis ein, sich gegenseitig zu trösten und zu helfen und besiegelt dieses Bündnis mit inniger Freundschaft, die beider Leben lang anhielt. Liebe kam zwischen ihnen wohl nie zustande, wenn sie vielleicht auch ab und zu miteinander schliefen. Ich denke nicht, daß sie das Bett teilten, um für Nachkommenschaft zu sorgen. Für sie beide war es wichtig, zu wissen, daß da jemand ist, der die eigene Furcht vor Mord und Verrat teilte und die Einsamkeit für kurze Zeit vergessen ließ.
Margot rettete also ihren Ehemann vor den mordlüsternen Händen ihrer liebenswürdigen Familie, mußte ihn jedoch überreden, sich bekehren zu lassen. Am Altar in der Kirche soll sie ihm das Gelübde vorgesprochen haben. Wahrscheinlich aber hat er nicht alles vollständig wiederholt.
Charles IX, der wankelmütige König, vergaß indessen schnell die Schrecken der Bartholomäusnacht. Er veranstaltete eine Wildschweinjagd und lud seinen Schwager Henri de Navarre dazu ein. Er mochte ihn zwar nicht, aber die Liebe zur Jagd war ein Thema, das ihnen beiden eigen war. Auf dieser Jagd nun, zu der um die fünfzig Personen des Hofes den König begleiten sollten, beschlossen die Hugenotten, die nach Amsterdam geflüchtet waren, sich dort sammelten, Pläne schmiedeten und teilweise zurückkehrten, Henri zur Flucht zu verhelfen. Denn dem König von Navarra wurde sein leichtherziges Bekehrungsgelübde kaum abgenommen und so wurde er in Folge der Bartholomäusnacht im Louvre gefangengehalten. Das heißt, er durfte gehen, wohin er wollte, doch wie durch ein Wunder begleiteten ihn immer mehrere bewaffnete Männer, die zufällig in der Gegend etwas zu tun hatten.

Die königliche Jagd verlief munter, das Wildschwein, ein junger Eber, wurde von den Hunden umringt. Charles IX verlangte: "Einen Spieß, einen Spieß!" Er wollte das Schwein erstechen, bei einer Kugel spürt man ja die Lust des Eindringens nicht. Plötzlich jedoch bäumt sein Pferd sich auf und wirft ihn ab. Auf dem Boden liegend, springt das Wildschwein auf ihn zu und verkeilt die Hauer in sein Bein. Schreiend windet sich der König, seine Brüder wollen ihm helfen: Sie zielen auf das um sich tretende Pferd, ihm den Tod zu erleichtern, doch nein, der Schrot trifft dicht neben Charles auf Sand. Einzig Henri de Navarre beweist Mut, er steigt ab und wirft sich mit einem Dolch auf den Eber, rammt ihn zwischen seine Schulterblätter.
Der König, gerade noch dem Leben entronnen, wie er sich dramatisch ausdrücken würde, bricht die Jagd frühzeitig ab und duldet seit diesem Zeitpunkt nur noch Henri in seiner Nähe. Dessen Flucht mißlingt also, auch Margot, die sich zur selben Zeit aus dem Louvre stahl, muß zurückkehren, um keine Verdächtigung aufkommen zu lassen. Doch erlangt Henri dadurch die Gunst des Königs. Seine protestantische Gesinnung ist Charles gleichgültig, er hat ja auch den Admiral in sein Herz geschlossen. Und so bewahrt der König persönlich Henri de Navarre vor Mord und Verschleppung in die Bastille. Alexandre Dumas und die Verfilmung seines Romans "La Reine Margot" ("Königin Margot") zeigen eine köstliche Szene, in der Charles Henri von dessen eigenem Gemach fern lockt, während hinter der Tür Henris langjähriger Freund Armaniac von der Hand des schon bekannten Maurevel getötet wird.
Zu einem späteren Zeitpunkt, wieder einer Jagd, gelingt Henri de Navarre doch noch die Flucht. Manche sagen, der König selbst habe ihm dazu verholfen, was ich mir schwerlich vorstellen kann, da Charles niemals einen Vertrauten aus seiner Nähe entließ. Außerdem war er zu dieser Zeit schon sehr krank und starb kurz darauf. Manche sagen, er erlag einer Lungenentzündung, andere erzählen die Geschichte des seltenen Jagdbuches, das so alt war, daß es nicht verwunderte, daß die Seiten zusammenklebten und man seine Finger belecken mußte, um umzublättern. Dieses Buch über die Kunst der Falkenjagd sei zuvor in des Parfumeurs René Händen gewesen und Charles habe es auf einem Tischchen in Henris Quartier entdeckt. Eine Weile nachdem er das Buch gelesen haben soll, klagte Charles über Brennen in Mund und Hals und unerträglichen Durst, dessen Stillen die Schmerzen nur verschlimmerte. Er spuckte Blut und litt unter subkutanen Blutungen ("Er schwitzt Blut", wird im Film gesagt).

Wodurch auch immer, Charles stirbt in jedem Fall und sein Bruder Henri d’Anjou besteigt als Henri III den Thron. Mit ihm kehrt lasterhaftes Leben bei Hofe ein; es ist allgemein bekannt, daß der König junge weibische Männer liebt und so gestaltet sich auch seine Politik eher verweichlicht.
Nach seiner Flucht bekehrt sich Henri de Navarre rück, er wird in der protestantischen Kirche von Herzen gern wieder aufgenommen und erbittet Verzeihung von seinen Eidgenossen. Sobald es ihm möglich ist, läßt er Margot aus den Klauen des französischen Hofes befreien und an seinem eigenen Hof in Navarra teilhaben. Liebe hat sich zwischen ihnen noch immer nicht entsponnen und so liegen beide in den Armen dauerhaft wechselnder Lieberhaber und Mätressen. Irgendwann entschließt Margot sich für ein Leben in der Festung von Usson im Süden Frankreichs, wo sie Gesellschaft mit Gelehrten und Künstlern pflegt und ihre Memoiren schreibt. Manche behaupten, Henri habe sie verbannt, womit ich mich allerdings nicht anfreunden kann, denn nachdem König Henri III von dem fanatischen Dominikanermönch Jacques Clément ermordet wurde und Henri de Navarre den französischen Thron als Henri IV innehatte, ließen beide ihre kinderlose Ehe im Einverständnis annullieren. Margot kehrt daraufhin nach Paris zurück und führt dort ihre wissenschaftlichen und künstlerischen Abende fort. Henri IV gestattete es ihr, den Titel "Königin von Navarra" weiterhin zu tragen und heiratete selbst die junge Maria de Medici, die außer ihrem Namen mit der inzwischen verstorbenen Katharina nichts gemein hatte und ihm eine reiche Nachkommenschaft schenkte. Um den Thron allerdings besteigen zu können - denn die Familie de Guise scheute noch immer nicht zurück, ihr Erbrecht überall laut zu verkünden - mußte Henri seinem Schwager Henri III an dessen Totenbett versprechen, noch einmal katholisch zu werden, erst dann dürfe er König von Frankreich sein. Henri de Navarre versprach und hielt sein Wort. Am 15. Juli 1593 ließ er sich erneut bekehren und sprach kurz vor diesem Ereignis die großen, inzwischen in meinem Herzen verankerten Worte: "Paris vaut bien une messe!" ("Paris ist eine Messe wert!"). Aber vergaß er dennoch seine Eidgenossen nicht. Le bon roi Henri ("Der gute König Henri"), wie er vom Volk vor allem wegen seiner Nähe zu den einfachen Leuten genannt wurde ("Je veux que chaque laboureur de mon royaume puisse mettre la poule au pot le dimanche." - Ich will, daß jeder Arbeiter meines Königreiches sonntags sein Huhn in den Topf legen kann), erließ am 23. April 1598 das berühmte Edikt von Nantes, das seinen Hugenotten volle Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährte und dazu viele sichere Städte als Glaubenshochburg zusprach, darunter die handelswichtige Hafenstadt La Rochelle.
Ein Tag nachdem seine Gattin Maria de Medici zur Königin gekrönt wurde, am 14. Mai 1610, wurde Henri de Navarre, der beliebteste König Frankreichs, auf offener Straße ermordet. Der Fanatiker Francois Ravaillac erstach ihn während eines Volksauflaufs in seiner offenen Kutsche. Auf dem Weg zum Louvre erlag Henri seiner Verletzung.
Die Nachfolge tritt Louis XIII an, ein junger, leicht zu beeindruckender König, dessen Politik weitgehend vom berühmten Kardinal Richelieu gelenkt wird. Und eben dieser Richelieu will den Hugenotten die Festung La Rochelle abschwatzen. Die Protestanten lassen sich das nicht gefallen und es kommt zur Belagerung. England hat leichtes Spiel in seiner Unterstützung, es kann immer wieder unversehrt zwischen den großen Klippen in den Hafen einlaufen und versorgt die Stadt mit Nötigem und Luxus, so daß sich La Rochelle kaum ergeben wird. Richelieu indes plant den Bau des riesigen weltbekannten Deichs, der noch heute steht und der die Engländer künftig abwehrte, was fünfzehntausend Belagerten den Hungertod sterben läßt, bevor die Stadt endgültig kapitulierte.
Der fette Sonnenkönig Louis XIV erhebt 1685 das Edikt von Fontainebleau, das den Hugenotten sämtliche ihnen durch das Edikt von Nantes zugesprochenen Rechte nimmt und widerspricht dadurch völlig seinem Großvater. Die Verfolgungen werden wieder aufgenommen, das Morden setzt erneut ein und es endet erst mit dem Beginn der Regierung Louis’ XV, der seinem Urgroßvater mehr als zärtlich zugetan ist und seine Politik voll in dessen Sinne umsetzt.
Vorher gelingt es vielen Hugenotten trotz der strengen Grenzbewachung zu fliehen, sie landen als sogenannte Réfugiés in den reformierten Nachbarländern: Der Schweiz, den Niederlanden, England, Amerika und auch Deutschland. Um 1700 stellen die Hugenotten rund ein Drittel der Berliner Bevölkerung dar; wir erben von ihnen Gemälde- und Schriftstellerkunst, Architektur, Mode, Philosophie und Wörter wie "Boulette" und "Kinkerlitzchen".
In Frankreich hingegen erlangen die Hugenotten im Laufe des 18. Jahrhunderts ihre Rechte nach und nach zurück. So gestattet ihnen das Toleranz-Edikt von Versailles 1787 den Aufenthalt in Frankreich, der Code Napoléon erhärtet 1804 ihre volle Gleichberechtigung.

Besucht man heute in Paris die Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois oder befragt gebürtige Pariser nach der Bartholomäusnacht, so trifft man vor allem auf Verdrängung, Verleumdung, Nicht-Vorhandensein von Bildern und fundiertem Wissen und nicht selten auf den Satz: "Ach, das ist doch alles nur erfunden. Eine große Lüge!"
Franzosen wollen nichts davon hören, wollen damit nichts zu tun haben, können sich nicht vorstellen, daß ihre Ahnen auf beiden Seiten in ihrem religiösen Fanatismus derart grausam gewesen sein könnten. Und trotz allen Leugnens, aller Gerüchte, aller Ignoranz, aller Intoleranz und allen Vergessens: Es gab sie, die Bartholomäusnacht. Das läßt sich beweisen, das ist real. Es gibt Schriftstücke, Gemälde, zeitgenössische Hetzpamphlete und Plakate! Über dreißigtausend Menschen fielen den Religionskriegen in Frankreich zum Opfer, zwanzigtausend von ihnen fanden den Tod allein während des Massakers in der Nacht zum Tag des heiligen Bartholomäus. Je öfter dieser Tatbestand geleugnet wird, desto größer sollte die Angst werden, wozu Menschen auch heute noch fähig sind.














































































Henri d'Anjou, König von Frankreich als Henri III 1575 - 1589





























Strafe des Ravaillac: Die Pferde konnten ihn nicht zerreißen, der Henker half mit dem Messer nach
 


Epilog
 
 

Die vielen weit verbreiteten Gerüchte lassen sich ungefähr in drei Varianten gliedern: Erstens, die Bartholomäusnacht war ungeplant und entstand aus Versehen. Die Königinmutter heckte einen Plan aus, der Henri de Guise veranlaßt haben soll, den Hugenottenführer Gaspard de Coligny zu ermorden. Dieser wurde jedoch nur verwundet, also mußte zwei Tage später nachgeholfen werden, was fanatische Katholiken in Blutrausch stürzte und sie das Massaker auf ganz Paris und die auf dem Lande lebenden Hugenottengemeinden ausdehnen ließ.
In der zweiten Version läßt Katharina nach dem Mord am Admiral de Coligny aus Angst vor Rache der Hugenotten die Bartholomäusnacht inszenieren. Und drittens und endlich läßt sich vermuten, Katharina de Medici habe das Gemetzel in einem großen Plan ausgearbeitet, der die Hochzeit ihrer Tochter als Lockmittel der Protestanten in ihre unmittelbare Umgebung beinhaltete.
Es läßt sich viel lesen, viel sagen und viel spekulieren über dieses Thema. Ob mich gerade diese Suche nach Wahrheit daran so fasziniert, kann ich nur schwer behaupten.
Es begann mit dem Kauf des Videos, des Films "Die Bartholomäusnacht - La Reine Margot" von Patrice Chéreau, das vor mehr als sechs Jahren in der Grabbelkiste bei Saturn lag und für fünf Deutsche Mark zu haben war. Zugegeben, ich gruselte mich ein wenig, doch ich verstand kein Wort von diesem Film, konnte die Personen nie wiedererkennen und noch weniger zuordnen. Ich beschloß also, die Vorlage zu lesen, Dumas’ Roman "Die Königin Margot". Nun verstand ich vieles besser. Mein Blick war auf das Thema gerichtet und plötzlich fand ich überall Quellen zu diesem geschichtlichen Ereignis, das mich mehr und mehr interessierte. Doch diese Quellen erzählten mir alle etwas anderes, widersprachen sich mitunter gegenseitig und sogar selbst.
Je mehr ich in Erfahrung brachte, desto fester bildete sich in mir eine eigene Meinung, die ich unbedingt anderen mitteilen wollte. Meine Freundin Yael mußte sich nächtelang anhören, wie ich mit mir selbst debattierte und nie zum Punkt kam. Da beschloß ich, meine Gedanken einfach aufzuschreiben. Ich kam gerade noch dazu, sie ihr einmal vorzulesen, da mußte ich zum ersten Mal erleben, wie leicht Daten verloren gehen können.

All das oben Stehende ist vollkommen anders als sein Vorgänger. Ich holte nicht so weit aus, ließ mich nicht so schnell ablenken. Ich schreibe nicht von dem Tschechen Jan Hus, noch weniger berichte ich von den Hussitenkriegen in Deutschland und Tschechien und auch meine sarkastischen Spitzen gegen den ach so großartigen Reformator und noch größeren Lügner Martin Luther lasse ich beiseite. Damals brauchte ich einen Monat zum Schreiben, dieses Mal nur zwei Tage. Das macht es nicht besser, aber auch nicht schlechter. Es ist einfach anders und es besteht ein gravierender Unterschied zwischen beiden:
Dieses hier existiert.