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Schneckengift
Kapitel I Die Nacht war schwül. „Freu dich daran und laß
dich nicht so hängen“, versuchte Virginie sich aufzumuntern. „Im Winter hast du
dich nach einer solchen Hitze gesehnt!“ Wenn es nur nicht gleich regnen würde. Verzweifelt sah sie sich im schwachen dunkelgelben Licht der vereinzelt am Straßenrand aufgestellten Gaslaternen nach einem Unterstand um. Wahrscheinlich würde sie nicht sehr erfolgreich sein, denn sämtliche ihr bekannten trockenen Plätzchen waren schon besetzt. Selbst die kleine Holzkiste, die an die Mauer des Friedhofs gelehnt war und die sonst niemand fand, so dachte Virginie, war bereits von einem alten Mann in Beschlag genommen. Selbstverständlich war er viel zu groß für die Kiste, so daß Virginie schon von weitem seine Beine herausragen sah. Oh, dieser hinterlistige Clochard! Bestimmt hat er gewartet, bis ich losgegangen bin, um sich bei mir einzunisten! Denn jeder in der Gegend weiß doch, daß sie mir gehört! Oh je, es fängt schon an! Ein dicker Tropfen hatte sie getroffen und breitete sich auf ihrem nackten Fuß aus. Ein weiterer verfing sich in ihrem vom Schweiß feuchten Haar. Mehrere Blitze zuckten über die Dächer hinweg und mit einem Mal brach der Himmel über ihr in lautem Donner auf. Erschrocken fuhr Virginie zusammen und lehnte sich an die nahe Hauswand, um in den nachtschwarzen, wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Fast gleichzeitig ergoß sich über sie ein andauernder Schwall warmen Regens. Sofort war sie durchnäßt bis auf die Haut. Die zerlumpte Kleidung klebte ihr fest am Körper. Na ja, dann kann ich auch gleich hier bleiben, dachte sie und setzte sich mit dem Rücken an der Wand auf den kahlen, Hitze verströmenden Steinboden. „So werde ich wenigstens
sauber.“ „Aber auch naß!“ Erschrocken hob Virginie den
Kopf. „Oh, Monsieur. Bitte
verzeihen Sie!“ Umständlich stemmte sie sich wieder auf die Beine. „Was soll ich denn
verzeihen?“ Ihr gegenüber stand ein junger Mann von ungefähr dreiundzwanzig
Jahren. Die breite Krempe seines Hutes triefte schon jetzt von Wasser, daher
waren auch seine kinnlangen glatten dunklen Haare und die Schultern seines
braunen Umhangs naß. „Na ja...“ Eigentlich wußte auch Virginie nicht, was sie hätte falsch gemacht haben können, und so senkte sie die Lider und scharrte verlegen mit den Füßen auf dem nassen Stein. Der junge Mann folgte ihrem Blick. „Ach Mademoiselle! Was ist
denn das? Sie bluten ja!“ „Was...“ Virginie starrte ihr
Gegenüber an. Mademoiselle? Noch nie hatte jemand sie Mademoiselle genannt! Vogelschreck,
Hexenkind, Teufelshure und manchmal auch einfach Mädchen oder Kleine, wenn die
Leute nett waren. Aber sie war doch keine feine Mademoiselle! „Aber ja doch, Mademoiselle.
Sehen Sie nicht? Ihr Fuß! Er ist voller Blut!“ Mit verhärteten Gliedern ließ
Virginie es zögernd zu, daß der Mann sie vorsichtig zurück auf den Boden
setzte. „Warten Sie, gleich wird es
aufhören. Ich wickle mein Taschentuch darum.“ Der Mann kniete sich neben
sie, zog ein weißes Tüchlein aus einer Tasche seines Rocks und band es
vorsichtig um den Ballen ihres Fußes, den er beinahe zärtlich in der Hand
hielt. Virginie konnte nicht fassen, was mit ihr geschah. Mit geröteten Wangen
beobachtete sie diesen Mann bei seinem Tun und betrachtete ihn verstohlen aus
den Augenwinkeln. Eigentlich ein sehr schöner Mann, jedenfalls das, was sie im
schwachen Dämmerlicht des Gewitters erkennen konnte. Das feuchte, sich leicht
kringelnde Haar stand ihm gut. Scheinbar hatte er ihren
Blick gespürt, denn er sah zu ihr auf. Ein leichtes Lächeln zuckte um seinen
Mund. Sofort schlug sie die Augen nieder und errötete noch mehr. „So, das müßte reichen. Aber
nur fürs Erste, Sie müssen ihn unbedingt waschen und sorgfältiger verbinden.“ „Oh, ja. Äh, danke,
Monsieur.“ Ihr Magen knurrte laut und wenn möglich, lief sie noch röter an. „Na nu,“ kicherte er. „Sie
haben wohl Hunger?“ Virginie verfluchte ihn. Wie konnte sich dieser Mensch nur
erlauben, sie anzusprechen! Sie wünschte sich weit weg von diesem Ort. Sie
dachte, ihr Gebet sei erhört worden, als sie plötzlich zu schweben meinte. Doch
erkannte sie, fast enttäuscht, daß der junge Herr sie hochgehoben hatte. „Ich möchte Sie zu mir
einladen, wenn Sie einverstanden sind. Dann kann ich mir ihren Fuß noch einmal
genauer ansehen. Und nebenbei könnten wir eine Kleinigkeit essen.“ „Aber ... Nein, das geht
doch nicht! Und außerdem... lassen Sie mich runter!“ Aufgeregt zappelte
Virginie in seinen Armen. „Oh nein, wenn ich Sie
absetze, dann rennen Sie mir davon. Und das nur aufgrund nicht angebrachter
Höflichkeit!“ „Und wenn ich Ihnen
verspreche, daß ich nicht weglaufe?“ „Nun, selbst dann kann ich
Sie nicht loslassen. Das Taschentuch würde sich lösen und sie könnten einen
Splitter oder Dreck in die Wunde bekommen und sie würde sich entzünden. Nein,
ich werde Sie tragen. Das ist mir doch entschieden lieber. Bitte, so hören Sie
doch auf zu strampeln!“ „Und wenn Sie nun ein Mörder
sind, der mich entführt? Falls Sie Geld haben wollen, ich kenne niemanden, der
Geld hat! Wirklich, ich bin allein, ich habe keine Eltern und auch sonst keinen
Verwandten. Und wenn ich jemanden hätte, dann hätte der bestimmt kein Geld!“ Belustigt blickte er ihr in
die Augen. Doch sofort wurde er wieder ernst. „Ich bin kein Mörder. Das
verspreche ich Ihnen. Und ich bin auch kein Entführer und kein Erpresser. Ich
möchte lediglich sicher gehen, daß ihr Fuß gut versorgt wird. Und wenn Sie nun
schon einmal bei mir sind, können Sie mir ein heißes Bad und eine gute Mahlzeit
nicht abschlagen. Das wäre sehr undankbar.“ „Was sind Sie denn dann? Ein
Arzt? Ich kann Sie nicht bezahlen!“ „Mademoiselle, nun hören Sie
doch auf, vom Geld zu sprechen! Sie beschämen mich ja langsam. Ich bin auch
kein Arzt. Ich bin Kommissar bei der Polizei.“ „Ein Gendarm? Sie sind ein
Gendarm? Sacré bleu, wird man denn jetzt schon eingesperrt, nur weil man
auf dem Boden sitzt und ahnungslos vor sich hin blutet?“ Jetzt mußte er wirklich
lachen. „Ich verhafte Sie doch
nicht! Nein, wie ich schon sagte: Ich möchte mir nur ihren Fuß ansehen und
Ihnen etwas zu essen geben. Mehr nicht. Danach können Sie gehen, wohin immer
Sie wollen. Obwohl ich an Ihrer Stelle das Angebot, die Nacht in einem weichen
Bett zu verbringen, nicht ausschlagen würde.“ „Sie wollen also tatsächlich
meinen Fuß verbinden, mir etwas zu essen geben und mich die ganze Nacht in
einem Bett unterbringen, bei Ihnen zuhause, einfach so?“ „Ja, einfach so. Und einen
Badezuber voll mit warmem Wasser setze ich noch oben drauf.“ „Aber warum? Es muß doch
etwas geben, das Sie von mir wollen! Oder wenn Sie es anders sagen wollen: Ich
muß mich bei Ihnen doch auf irgendeine Weise bedanken.“ „Nun, ich wüßte da schon
etwas, daß Sie tun könnten.“ „Ich wußte es doch! Aber
Monsieur, falls Sie das meinen, woran ich denke... Äh, Sie sollten wissen, ich
habe das noch nie getan, und eigentlich wollte ich das auch nie tun, aber Sie
sind so nett und liebenswürdig, und ich habe doch so schrecklichen Hunger...
Werden Sie mir auch nicht weh tun?“ „Weh tun? Wie könnte ich?
Mademoiselle, woran denken Sie?“ „Na ja... ich dachte...“ „Mademoiselle, Sie fragten
mich nach einer Art des Dankes und ich sage Ihnen: Sagen Sie einfach danke!“ „Oh!“ Virginie wußte nicht, wie sie in diese Situation geraten war. Sie wußte auch nicht, ob sie sie gut oder schlecht fand. Sie beschloß, einfach zu schweigen und der Dinge zu harren, die in dieser Nacht noch auf sie zukommen mochten. Inzwischen hatten sie die Rue du Caire hinter sich gelassen und liefen nun die Rue Saint-Denis entlang, in Richtung Seine. Noch immer trug er sie auf seinen Armen und schien einfach nicht müde zu werden. Kräftig schritt er aus mit seinen langen Beinen und blinzelte die Regentropfen aus den schwarzen Wimpern. Virginie hing ihren Gedanken
nach und durch das leichte Schaukeln seiner Arme konnte sie das langsame
Eindösen nicht mehr verhindern. Ihre Augen waren gerade zugefallen, als sie sie
abrupt wieder aufriß. Sie hatten angehalten, vor einem mit schönem Stuck
garnierten zweistöckigen Haus. Er klopfte an die Tür, die beinahe sofort
geöffnet wurde. Ein livrierter Lakai erkannte ihn und trat zur Seite. Virginie
wurde in ein ihr fremdes Haus getragen und gleich rechts vom Eingang in einem
großen Zimmer behutsam auf eine weich gepolsterte Chaiselongue gelegt. „Bitte bleiben Sie hier
liegen. Ich bin in wenigen Augenblicken zurück.“ Und er ließ sie allein. Virginie sah sich ungläubig
um. Der Raum wurde erleuchtet von einem Kronleuchter, der hoch über der Mitte
von der Decke hing, und von einem gemütlich prasselnden Feuer, das im mit
weißem Kalkstein hübsch eingefaßten Kamin ihr gegenüber brannte. Ein ganzes Stück
vom Kamin entfernt breitete sich ein rotbrauner Teppich mit eigentümlichem
Muster aus. Unbewußt strich ihre Hand
über den blutroten Samt der Chaiselongue. Erschrocken fuhr sie auf. Sie war
doch pitschnaß und starrte vor Dreck! Bestimmt hatte sie den schönen Stoff
verdorben. Und, oh nein! Ihre schmutzigen Füße gruben sich in die langen,
dichten Fasern des Läufers. Sie wich zurück, krümmte die Zehen ein und
versuchte verzweifelt, auf den Fersen zu stehen und so wenig Boden wie nur
möglich einzunehmen. Was tat sie hier nur? Wie
kam sie hierher? Wie konnte sie nur einen Moment lang denken, daß es richtig
wäre, sich von diesem netten Herrn in sein vornehmes Haus tragen und sich
bewirten zu lassen? Weg hier, nur weg! Aber wohin? Wo war die Tür? Sie traute
sich nicht, auch nur einen Schritt zu tun. Und sie hörte Stimmen! Oh Weh, sie
kamen! Wohin nur, wohin? Hektisch blickte Virginie
sich um, doch sie sah keine Möglichkeit zu entwischen. Und ach, es war zu spät!
Schon wurde die Tür geöffnet und der junge Mann erschien, gefolgt von einer
kleinen älteren Dame mit silbernem Haar, die unentwegt vor sich hin sprach. Sie
schien sehr aufgebracht zu sein, denn ihr üppiger, von violetten Rüschen und
Schleifchen umrahmter Busen hob und senkte sich energisch. „Ach mon Dieu“, rief
sie. „Und sie ist ganz naß, sagst du?“ Virginie lief rot an, als die Dame sie erblickte. Ein weiteres Mal in dieser Nacht wünschte sie, woanders zu sein. „Oh, Madame“, haspelte sie.
„Ich werde nicht bleiben! Wirklich, ich hatte nicht vor... Ich wollte nicht...
Ich werde sofort wieder gehen!“ Völlig in sich zusammen gesunken, getraute sie
sich nicht, sich zu bewegen oder sie auch nur anzusehen. „Nein!“ sprach die Dame
gebieterisch. „Das werde ich nicht zulassen!“ „Oh Madame, bitte, bestrafen
Sie mich nicht.“ Virginie spürte Tränen in sich aufsteigen. „Ich werde tun, was
Sie verlangen, ich werde alles wieder gut machen, ich werde Ihre ... Ihre Liege
sauber machen, bitte, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, was ich tun soll.“ „Zunächst einmal, mein Kind,
setzt du dich hier hin.“ Der Satz war in solch einem tadelnden Ton gesprochen,
daß Virginie gar nicht anders konnte, als sich augenblicklich zurück auf die
Chaiselongue fallen zu lassen. „Wie konntest du nur? Hast
du denn keinen klaren Gedanken mehr im Kopf?“ Virginie erzitterte unter
solch harten Worten. Sie neigte das Kinn an ihre Brust und wollte den Schimpf
starr über sich ergehen lassen. Wenn sie nur nicht so sehr gegen die Tränen
kämpfen müßte! „Wie konntest du nur
aufstehen?“ Erschrocken zuckte sie zusammen,
als die Dame ihren verletzten Fuß in ihre warme Hand nahm und langsam das darum
gebundene Taschentuch löste. „Oh, verzeih mir. Habe ich
dir weh getan?“ Mit großen Augen blickte
Virginie der Dame ins Gesicht. Erstaunt brachte sie hervor:
„Nein! Nein, das haben Sie nicht.“ „Aber sicher habe ich das!
Würdest du sonst weinen? Oh, ich bin aber auch immer so grob.“ Virginie ließ ihre Hand über
die Wange gleiten. Sie war feucht, aber geweint hatte sie nicht, das müßte sie
doch wissen. Sie hatte sich schließlich tapfer genug dagegen gewehrt. „Nein, ich... oh, ich weine
nicht! Das ist wohl noch etwas Regen... ich meine...“ „Ja, sicher, mein Kind. Du
bist ja völlig durchnäßt! Armand“, fuhr sie ihren Sohn an. „Was stehst du da
und glotzt! Trag das arme Kind nach oben, es holt sich ja den Tod! Cathérine!
Cathérine!“ Aufgeregt klatschte sie mehrmals in die Hände, bis ein volles
rosiges Gesichtchen durch den Türspalt lugte. „Da bist du ja! Mach sofort
Feuer und laß Wasser heiß werden! Das Kind muß sofort ein Bad nehmen! Und frag
Julie nach einem Kleid. Ja, sie hat in etwa die Größe.“ Abschätzend ruhte ihr
Blick auf Virginie. „Oui, Madame“, nuschelte
Cathérine von der Tür her und verschwand. „Nun los doch, mach schon!
Armand, schnapp sie dir!“ Und wieder hob er Virginie
hoch und trug sie leichtfüßig auf den Armen, eine breite Treppe empor, in ein
geräumiges, mit Steinfliesen ausgelegtes Zimmer. In der Mitte stand ein
hölzerner Badezuber und das Hausmädchen namens Cathérine rührte schon
geschäftig in einem großen Topf mit Wasser, der über einer Feuerstelle hing.
Armand setzte sie auf einem kleinen Schemel ab und schob sachte einen Hocker
unter ihren Fuß. Sanft fuhr er mit dem Finger über den geröteten Schnitt, nahm
ein sauberes Handtuch vom Stapel neben ihr, tauchte dessen Zipfel in eine
Schale mit Wasser, die die Dame in den Händen hielt und wusch damit sorgfältig
die getrocknete Blutkruste von ihrer Haut. Noch immer ein wenig
skeptisch und verwirrt ob der vielen fremdartigen Eindrücke, die auf sie
niederprasselten, ließ Virginie es über sich ergehen. Noch hatte ihr ja niemand
etwas getan. Doch sobald es den Anschein hatte, daß ihr jemand weh tun wollte,
würde sie sich zu schützen wissen. Oh ja, die sollten sie mal in Rage erleben!
Zeter und Mordio konnte sie schreien und als Waffe lassen sich schließlich
allerhand Dinge benutzen! Ein grimmig entschlossener Ausdruck lag auf ihrem
Gesicht, als die alte Dame sie ansprach: „Wie heißt du denn eigentlich, mein
Kind?“ „Oh. Äh... Virginie.“ „Das ist ein sehr schöner
Name.“ Armand lächelte. „Virginie und weiter?“
fragte die Dame. „Wie weiter?“ „Wie lautet dein Nachname?“ „Ach so. Ich habe keinen.“ „Du hast keinen? Also so was!“ „Nein. Ich heiße einfach nur
Virginie.” „Mutter, laß das doch!“
Armand klang unbeherrscht. „Oh ja. Nun, das arme Kind
hat ja schon weiß Gott genug durchgemacht.“ „Allerdings. Virginie, ich
werde Ihren Fuß erst nach dem Bad verbinden. So kann die Wunde auch von innen
gereinigt werden.“ „Vielen Dank.“ „Ich lasse Sie jetzt in der
Obhut meiner Mutter. Sie und Cathérine werden sich sehr gut um Sie kümmern. Und
danach komme ich wieder und trage Sie nach unten. Dann werden wir zusammen
dinieren.“ „Di-nie-ren?“ „Etwas essen.“ „Oh, ja. Gut. Danke.“ Virginie blickte Armand
nach, der den Raum verlassen hatte und die Tür hinter sich schloß. Konnte sie
ihm wirklich vertrauen? Sicher, er war sehr freundlich zu ihr gewesen, aber wie
lang würde das noch andauern? Und diese Frau? Seine Mutter, ja, das hatte er
vorhin gesagt. Aber kann ich ihr erlauben, an den Bändern meines Kleides herum
zu nesteln? Im Nu legte sich das
zerfetzte, schmutzstarrende Stück Stoff um ihre Knöchel auf den Boden. „Cathérine, hier, verbrenne
es. Komm, mein Kind. Steh vorsichtig auf. Ja, ich stütze dich. Aber versuch,
deinen Fuß nicht zu belasten.“ Langsam humpelte sie, auf
die Schulter der sehr viel kleineren Frau gestemmt, dem Badezuber entgegen, in
den Cathérine unermüdlich heißes Wasser goß. Dampf stieg auf und hinterließ
winzige Kondenströpfchen auf ihrer nackten schmutzigen Haut, als sie vorsichtig
den gesunden Fuß ins Wasser tauchte. Aufrecht solle sie sich
setzen, sagte die Dame, nahm einen Schwamm und ein Stück Seife und schrubbte
ihren Rücken, so daß genüßliche Schauder sie erfaßten. Entspannt lehnte sie
sich zurück, als Cathérine das Schwämmchen übergeben wurde und sie ihr nun zart
über Bauch und Beine strich. Kaum mehr hörte sie das schwache Klopfen an der
Tür und das leise Gemurmel der alten Dame und das Rascheln von zarter Seide.
Nur vage konnte sie ihre Gedanken noch fassen, die um die letzten Geschehnisse
kreisten, während sie allmählich eindöste. „Virginie, Schätzchen“, rief
die Dame. „Du darfst nicht einschlafen!“ „Darf ich nicht?“ erklang
ein müdes Gebrabbel aus dem Badewasser. Virginie ließ sich gänzlich fallen und
rutschte langsam unter die Oberfläche. Mit einem Platschen erwachte sie jäh und
stemmte sich auf die Ellbogen. „Oh, jetzt verstehe ich.“
Mühsam hielt sie die Augen offen und ließ sich von Cathérine mit starken Händen
aus der Wanne ziehen. „Armes Kind, du bist ja
völlig am Ende. Aber du mußt noch etwas essen. Wie gut, daß wir alle das Diner
erst nach neun begehen. So können wir beieinander sitzen“, plapperte die Dame
vor sich hin. „Nun komm, zieh das hier an. Ich helfe dir.“ Schlagartig war sie
hellwach, als die Dame versuchte, ihr ein Kleid von wunderschönem hellblauen,
glänzenden Stoff über den Kopf zu ziehen. „Aber... nein, Madame, das
kann ich nicht tragen!“ „Nun ja, du hast recht. Es
ist nicht ganz deine Farbe. Ein kräftiges Grün würde dir besser stehen. Aber
vorerst muß es wohl genügen.“ „Nein, ich meine...“ Unverständliche Worte drangen unter vielen Lagen Seide und Tüll hervor. Virginie schnappte nach Luft, als ihr Kopf endlich aus dem Kragen hervor guckte. „Ich meine, ich kann doch
dieses Kleid nicht tragen. Es ist viel zu ... viel zu oh là là!“ Vergnügt lachte die Dame
auf. „Du meinst wohl, es ist zu schick für dich? Na, da muß ich dir aber
widersprechen! Nichts ist zu schick für ein so hübsches kleines Ding, wie du es
bist!“ Ein wenig ruppig zog sie die
schweren nassen Haare aus dem Ausschnitt des Kleides und ließ sie auf ihren
Rücken fallen. „Na komm, tu mir den
Gefallen, dich herzurichten. Ich habe keine Tochter, weißt du, und es macht mir
doch Spaß, junge schöne Mädchen einzukleiden.“ Wie eine Puppe ließ Virginie
sie die Röcke drapieren und zurecht zupfen und die widerspenstigen, verknoteten
braunen Locken kämmen, doch als sie ihre kleinen Brüste mit den Händen empor
hob und in die Rüschen preßte, schrie sie auf und fuchtelte wild mit den
Händen, um sie abzuwehren. „Na nu, ist ja schon gut.
Das bist du wohl noch nicht gewöhnt mit deinen sechzehn Jahren, mein Kindchen?“
gluckste die alte Dame. „Na, das ist wohl auch besser so. Armand! Arma-hand!“ „Schrei doch nicht, ich bin
ja da.“ Armand spähte zur Tür hinein. Auch er hatte sich mittlerweile umgezogen
und erstrahlte nun in neuem Glanz frischer, trockener Kleider. Nur die Haare
kräuselten sich noch etwas in ihrer Feuchtigkeit. „Nun kommt, laßt uns endlich
essen!“ Widerwillig ließ Virginie
sich erneut von dem jungen Mann auf die Arme heben und hinunter in den
Speisesaal tragen. Kapitel II Ein mit vielen Kerzen und
schön hergerichteten, einen betörenden Duft verströmenden Blumengestecken
geschmückter Tisch hieß sie willkommen. Es war Platz für zwölf Gäste. Hauchdünnes
Porzellan, bestickte Servietten und silbernes Eßgeschirr bildeten jedoch nur
vier Gedecke, eins auf der einen, zwei auf der anderen Seite und eines am
daneben gelegenen Kopfende des Tisches. Dort wird wohl die Dame sitzen, dachte
Virginie und ließ sich auf einen Stuhl setzen. Armand setzte sich neben sie,
aber wer sollte ihr gegenüber Platz nehmen? Als hätte sie ihre Gedanken gehört,
sagte die Dame: „Darf ich dir meine Nichte Julie vorstellen? Julie, das ist
Virginie.“ Ein junges Mädchen von
vielleicht neunzehn Jahren hatte eben den Raum betreten und schlich, kaum durch
die langen schwarzen Wimpern hervorspähend, zum Tisch. Mit beiden Händen zog
sie sich den Stuhl zurecht und ließ sich nieder. Ein leises Guten Abend entfloh
ihren rosa geschminkten Lippen, die einzige Farbe in ihrem krankhaft blassen
Porzellangesicht. „Oh je, wo habe ich nur
meinen Kopf?“ entrüstete sich die alte Dame. „Ich selbst habe mich ja noch gar
nicht vorgestellt. Ich heiße Valentine, Valentine Blunière.“ Virginie wußte nichts darauf
zu erwidern und so lächelte sie und nickte ihr einfach freundlich zu. „Gut. Cathérine! Du kannst
jetzt die Suppe bringen.“ „Oui, Madame.“ Das Mädchen
ging aus dem Raum und kam gleich darauf zurück mit einer Porzellanschüssel und
einer großen Kelle in den Händen. Zuerst goß sie Valentine von der dampfenden
Brühe in den tiefen Teller, danach bediente sie die anderen. Virginies Magen knurrte in
Hoffnung der baldigen Nahrungsaufnahme so laut, daß sie fürchtete, die anderen
könnten es hören. Doch es schien niemand etwas bemerkt zu haben, denn alle drei
nahmen sie ihre Löffel zur Hand und tauchten sie in die Suppe, bevor sie sie
langsam zum Mund führten. Virginie beobachtete, wie sie bedächtig aßen. Sie wunderte sich. Wenn die
Suppe so heiß war, warum schlürften sie dann nicht oder pusteten? Sie versuchte
es ihnen nach zu machen, nahm den Löffel, tunkte ihn vorsichtig ein und
kostete. Oh so gut, so gut! Nie hatte sie etwas derartiges geschmeckt, und doch
war es nur Wasser, sollte man meinen. Hastig steckte sie Löffel um Löffel voll
Brühe in den Mund, warm und wohltuend glitt sie ihren Hals hinunter und ergoß
sich in ihren Bauch. Gierig nahm sie vom Brot, das in einem Weidenkorb vor ihr
stand, riß ein Stück mit den Zähnen ab, kaute kaum drei Mal und schluckte, es
mit einem weiteren Löffel Suppe herunterspülend. So schnell aß sie, daß bald
schon der Teller leer war, doch ach, Cathérine, die gute Seele, stand mit
grübelndem Blick hinter ihr und schenkte ihr nach. Weiter ging die Prozedur,
essen, nur essen, dieses wunderbare, schmackhafte Zeug, das ihr da vorgesetzt
wurde. Und wäre es vergiftet, und hätte sie es gewußt, Virginie wäre nicht
weniger rasant in diesem Essensvorgang. Ein weiterer Bissen Brot
steckte in ihrem Mund, als sie plötzlich würgen mußte. Sie hielt sich den
Bauch, nein, nein, Suppe, bleib drinnen, du darfst mir nicht entwischen. Doch
es half nichts, sie wollte heraus! Sie wollte an die Oberfläche, auf dem
gleichen Wege, den sie kam. Virginie krümmte sich
zusammen, stieß den Stuhl zurück, ließ sich auf den Boden fallen. Mit
neuerlichem Würgen wurde sie hochgerissen, an den Armen gepackt und aus dem
Raum gestoßen. Jetzt ist es soweit, das konnten sie nicht mit ansehen, sie
werden mich zurück auf die Straße setzen, alles ist vorbei! Cathérine schubste sie in
die Küche und zwang sie, sich über einen Kübel zu beugen. Fieberhaft nahm sie
die langen Haare hoch. Noch hielt sich Virginie zurück, noch beschwor sie ihren
Mageninhalt: Bleib drin, bleib doch drinnen! Und endlich konnte sie nicht mehr
und mit lautem Würgen erbrach sie sich in den Kübel. Schwankend und ein feuchtes
Tuch vor den Mund haltend kehrte sie in den Speisesaal zurück. Bleich ließ sie
sich von Cathérine auf den Stuhl drücken, doch wurde ihr heiß im Gesicht, als
sie die Blicke der anderen auf sich ruhen spürte. „Es tut mir so leid“,
murmelte sie in die Serviette. Vor Scham hielt sie den Kopf gesenkt. Fast
erschrocken fühlte sie die sanfte Berührung von Armands Hand auf ihrer
Schulter. „Das ist nicht Ihre Schuld.“ „Ja“, meinte Valentine. „Du
hättest nicht so schnell essen sollen.“ Ein Schluchzen schüttelte
Virginies zusammengesackten Körper. „Nicht doch, nicht doch“,
beeilte sich die alte Dame. „Oh, das habe ich nicht so gemeint. Ach, ich hätte
das nicht sagen sollen.“ „Aber nein, es stimmt.
Virginie“. Armand strich über ihren zitternden Rücken. „Virginie, Sie waren ja
tatsächlich halb verhungert. Wenn wir das gewußt hätten, dann hätten wir Ihnen
nicht erlaubt, so schnell zu essen. Ihr Magen war an Nahrung gar nicht mehr
gewöhnt. Wir müssen ihn erst allmählich wieder dazu bringen, etwas zu essen
aufzunehmen.“ Langsam hob Virginie den
Kopf. Zaghaft versuchte sie, den Blick Julies zu erhaschen, und als sie in ihre
braunen, von Mitleid erregten Augen sah, wußte sie, daß sie bleiben dürfte. An diesem Abend sollte sie
nur noch etwas Brühe bekommen, Brot gewährte man ihr nicht mehr. Armand trug
sie in ein weiteres ihr unbekanntes Zimmer. Ein großes Bett stand dort, mit
einem kunstvoll geschnitzten Baldachin. Liebevoll und einladend waren die großen,
mit Spitzen besetzten Kissen aufgeschüttelt und ein Zipfel der flauschigen
Daunendecke zurückgeworfen. Armand setzte sie auf die Matratze und tauchte
ihren Fuß in ein bereit gestelltes Schälchen mit warmem Wasser. Sanft wusch er
ihn ein zweites Mal. Was mußte sie vorhin auch mit dem Fuß voll auftreten, als
sie in die Küche gelaufen war! Der arme Armand war bestimmt genauso müde wie
sie. Oh, müde war sie, so erschöpft! Sie mußte sich auf die Hände stützen, um
nicht nach hinten umzufallen. „Sie können sich ruhig schon
hinlegen, Virginie. Sehen Sie, ich habe ihren Fuß schon abgetrocknet. Ich muß
ihn nur noch verbinden.“ Dankbar ließ sie den Kopf auf die Kissen fallen.
Gleich darauf schlummerte sie selig ein. Sie dachte nur noch kurz, daß diesmal
die Suppe im Bauch bleiben würde. Sie merkte nicht mehr, wie Armand den Fuß
verband und ihr die Decke um die Schultern legte. Kapitel III Mit einem Schreck fuhr sie
auf. Was war geschehen? Was war das da auf ihr? Sie sah an sich herab. Eine
Bettdecke? Vorsichtig hob sie sie hoch. „Oh je. Das Kleid. Es ist
völlig zerknittert!“ Sie sprang aus dem Bett und
strich mit den Händen wieder und wieder an sich herab, um so gut es ging den
Stoff zu glätten. Benommen schüttelte sie ihr Haar zurück. Das Zimmer war ihr
gänzlich unbekannt, und doch konnte sie sich gut an gestern erinnern: Der
Regen, der dunkle Armand mit dem großen Hut, wie er sie den weiten Weg zu
seinem Haus trug, Valentine, der Badezuber, die Übelkeit und Julies braune
Augen. Das Gewitter hatte sich
beruhigt, eine Lücke zwischen den nicht ganz geschlossenen Vorhängen zeigte
warmen Sonnenschein. Vorsichtig öffnete sie die
Tür einen Spalt breit und lauschte. Nichts war zu hören. Langsam, einen Fuß vor
den anderen setzend, aber instinktiv den verbundenen nicht belastend, schlich
sie den Gang entlang zur Treppe. Leise Stimmen drangen zu ihr hinauf.
Vermutlich kamen sie aus dem Speisezimmer. Lautlos langte sie unten an und
klopfte zaghaft an die Tür. Das Gespräch verstummte. „Komm nur rein!“ Behutsam steckte sie den
Kopf ins Zimmer und blickte fragend die Gestalten an, die dort am Tisch saßen. „Virginie, mein Kindchen,
komm her! Setz dich, trink einen Tee. Hast du gut geschlafen? Was meinst du,
Armand? Können wir es heute mit einem Brötchen und etwas Kirschmarmelade
versuchen?“ plapperte Valentine drauf los. Armand blickte vergnügt zu
Virginie. Sofort fühlte sie sich wohl, dachte weder an das zerknüllte Kleid
noch an die pochende Wunde an ihrem Fuß. „Ich denke schon, wenn sie
es ganz langsam ißt.“ „Nun denn, probieren wir
es.“ Valentine griff nach einem
halben Brötchen, dem warmer frischer Duft entstieg. Großzügig bestrich sie es
mit gelber Butter und roter Marmelade. Virginie glaubte nie etwas Köstlicheres
gesehen zu haben. Und mehr noch, sie durfte es essen. Ganz vorsichtig tauchte sie
die Zungenspitze in den süßen Belag, leckte ein bißchen an der Butter und
langsam tauchte sie ihre Zähne hinein und biß ein winziges Stückchen ab. Sie
brauchte nicht zu kauen, denn es zerging auf ihrer Zunge. Ein kleines
Schlückchen Tee brachte Geschmacksnerven in Erregung, die sie nie zu haben
geglaubt hatte. Es müssen vierzig Minuten vergangen sein, als sie schließlich
den letzten Krümel Brot von den Fingern leckte. Amüsiert sahen ihr Valentine
und Armand dabei zu. „Nun, hat es dir
geschmeckt?“ Virginie wagte den Mund
nicht zu öffnen aus Angst, der Rest von Geschmack, der ihr blieb, könne
entweichen. Also nickte sie nur mit großen Augen. „Jérémy konnte auch so
genießen. Weißt du noch, Maman?“ „Oh ja, er hatte eine Art, mit
dem Essen umzugehen, daß es einem selbst schon beim Zuschauen viel besser
schmeckte.“ Virginies Neugier zwang sie,
nun doch die Sprache wiederzugewinnen. „Jérémy?“ fragte sie
vorsichtig. Auf Armands Augen legte sich ein Schimmer der Erinnerungen. Er schien
weit in die Vergangenheit zu blicken. Virginie glaubte aber auch einen Schleier
von Traurigkeit erkennen zu können. „Er war mein Bruder.“ War? Hatte Virginie richtig
gehört? Sie blickte Valentine an. Auch ihr Gesicht war verklärt, allerdings
sprühten ihre Augen so deutlich Zorn aus, daß Virginie froh war, daß Valentine
nicht sie ansah, sondern auf den Tisch vor ihr starrte. „Er ist ermordet worden“,
brachte Armand hervor. „Ermordet?“ entgegnete
Valentine durch die Zähne gepreßt. „Man hat ihn schier hingerichtet. All das
Blut, daß er gespuckt hatte. Er schien Blut aus jeder Pore zu schwitzen.“
Virginie schauderte. Sie fühlte sich unbehaglich und meinte, fast ein bißchen
Angst zu haben vor Valentine und ihren brennenden Augen. Von Armand war kein
Schutz zu erwarten, er war vollkommen in sich zusammen gesunken und schien an
einem anderen Ort zu sein, wahrscheinlich auch in einer anderen Zeit. „Es ... tut mir leid“,
flüsterte sie zitternd. „Oh Schätzchen“, lächelte
Valentine. Sie war sofort in die Gegenwart zurückgekehrt. Auch Armand begann
sich zu regen. „Dich trifft doch nun wirklich keine Schuld. Uns tut es leid,
daß wir überhaupt von ihm gesprochen haben. Ein so zartes Ding sollte man nicht
mit solchen Geschichten quälen.“ „Ja, entschuldigen Sie“,
murmelte Armand. „Nun komm, mein Kind.“
Valentine erhob sich etwas schwerfällig, legte ihre Hand auf Virginies Schulter
und schenkte ihr einen abschätzenden Blick, den sie schon am Abend zuvor auf
ihr ruhen ließ. „Nein, wirklich. Blau ist nicht deine Farbe. Wir werden dich
neu einkleiden! Cathérine!“ Sie klatschte in die Hände, wie Virginie es schon
kannte. „Oh nein, nicht doch.“
Aufgeregt fuhr sie hoch. „Bitte, Sie haben mir doch schon so viel Gutes getan.
Ich werde jetzt gehen. Äh, na ja, sobald ... ich meine, sobald ich mein Kleid
zurück bekomme...“, stotterte sie. „Schätzchen, dein Kleid ist
verbrannt worden. Du hast also keine andere Wahl, als bei uns zu bleiben und
die Machenschaften des Schneiders über dich ergehen zu lassen.“ Mit diesen
Worten lief sie geschäftig zur Tür hinaus und schrie: „Cathérine! Cathérine! Wo
zum ... zum Kuckuck bist du?“ „Wie schön, sie erinnert
sich wenigstens noch an die Fluchregel“, meinte Armand. „Die Fluchregel? Ach so, man
darf in diesem Haus nicht fluchen, ja?“ Armand lächelte vergnügt.
„Man darf schon, aber bei jedem Fluch muß man einen Obolus von fünfzig Sous in
die Kiste auf dem Kaminsims legen.“ Virginie blickte zu besagter Kiste, ein
schönes Holzkästchen mit eingebrannten Ornamenten. „Oh, das ist aber eine große
Kiste! Fünfzig Sous? Da darf ich wohl gar nicht mehr fluchen.“ Armand lachte herzlich. „Na
ja, falls Ihnen doch mal einer entwischt, dann leihe ich Ihnen das Geld.“ Jetzt
lachte auch sie. Kapitel IV Der Schneider kam um die
Mittagszeit. Armand war zur Gendarmerie gegangen, um zu sehen, ob es Arbeit gab
und so hatten die Frauen im Haus einen Tag allein für sich. Der Schneider brachte
wunderschöne Stoffe mit. Satin, mit Gold durchwirkter Brokat, Musselin, Atlas,
Damast, schwerer Samt, seidige Bänder, Spitzen und Massen von Tüll. Virginie
wußte nicht mehr, was sie ansehen sollte. So viele Farben, so viele neue
Eindrücke. Sie hatte sich ohne
Widerspruch in den Salon schieben, den sie schon vom ersten Abend kannte, und
dort auf einen Hocker stellen lassen. Cathérine und Virginie drapierten Ballen
von Stoff um ihren Körper, zupften hier und zogen da, redeten wild auf den
Schneider ein, der hektisch von einer Seite des Raums zur anderen lief. Als der Schuster kam, wurde
Virginie vom Hocker heruntergetragen und in einen Sessel geschubst, der Mann
nahm ihren gesunden Fuß und drückte ihn in einen merkwürdigen Holzschuh,
klopfte ein wenig, zog an einem Hebel oder was immer das war, murmelte
unverständliche Worte und ging wieder, kam aber noch mehrmals wieder herein und
beriet sich mit Valentine. Allmählich wurde Virginie
ganz schwindlig vor Aufregung, doch ebenso plötzlich, wie alles begann, war es
auch schon vorbei. Schneider und Schuster gingen ihres Wegs und Valentine ließ
sich in die Chaiselongue fallen. „Oh Schätzchen, das war wohl
etwas zuviel des Guten, nicht wahr?“ bemerkte sie, als sie sah, wie blaß
Virginie geworden war. „Weißt du, was jetzt das richtige ist? Eine große heiße
Schokolade und ein paar Gurkenbrote! Cathérine?“ „Oui, Madame“, sagte
das Mädchen und verschwand zur Tür hinaus, um kurz darauf mit einem Tablett
wieder herein zu kommen, auf dem zwei dampfende Tassen und ein Teller mit
Weißbrot und Gemüse standen. „Danke“, sagte Valentine und nahm ihr eine Tasse ab. Virginie hielt die ihre vorsichtig in den Fingerspitzen. Schokolade kannte sie, sie hatte davon gehört. Aber daß man sie auch heiß machen und sogar trinken konnte, das war ihr völlig neu. Zaghaft roch sie daran. Oh, was für ein Duft, der sich da um ihre ganze Seele legte. Süß, und doch ein wenig bitter. Herb, verbesserte sie sich, das hörte sie einmal eine Dame sagen, die verschiedene ominöse Kräuter von einem Mann auf der Straße entgegen nahm und zwischen den Fingern zerrieb. „Herb“, sagte sie. Valentine
sah auf. „Herb?“ „Der Geruch. Das ist er
doch, oder?“ „Oh, die Schokolade. Ja, ein
bißchen schon. Aber du hast ja noch nicht einmal probiert. Kennst du denn heiße
Schokolade nicht?“ „Nein. Äh, sollte ich?“
fragte Virginie, zog die Stirn kraus und versuchte sich krampfhaft an etwas zu
erinnern, was ihr nie geschehen war. „Nun, nein. Vermutlich
nicht. Ich ... ach, entschuldige. Natürlich kennst du es nicht. Woher auch?“
Valentine seufzte schwer. „Ich bin in letzter Zeit sehr vergeßlich. Ich habe
ganz verschusselt, daß du ... na ja, daß wir uns erst seit gestern abend
kennen.“ Virginie stellte ihre Tasse
auf den kleinen runden Tisch neben ihr. „Madame Blunière, ich...“ „Valentine, bitte“, wurde
sie unterbrochen. „Valentine, also ich... ich
bin überaus dankbar, bitte glauben Sie mir. Ich weiß Ihre Gunst wirklich hoch
zu schätzen, aber ich... nun, Sie müssen verstehen... ich... ich möchte gerne
wissen, was Sie mit mir vorhaben“, rückte sie endlich heraus. „Was wir mit dir vorhaben?
Nichts haben wir vor. Was sollten wir denn mit dir vorhaben? Oh, ich verstehe.
Ja, ja, es muß dir wirklich eigenartig vorkommen, nicht wahr? Ich meine, da
sitzt du nichts ahnend auf dem Trottoir und da kommt mein großer starker Sohn
vorbei, lädt dich auf seine Arme und nimmt dich einfach mit in sein Haus. Und
dann kommt da noch eine kleine verhutzelte Alte, stopft dich mit Essen voll und
wickelt dich in Tücher ein. Wie soll man sich da denn vorkommen? Ja ja, ich
verstehe dich wirklich gut. Also, ich an deiner Stelle wäre schon längst aus
der Haut gefahren und hätte jeden angegriffen, der sich in meine Nähe wagte.
Und skeptisch sein ist gut, ja, ich weiß schon, auf der Straße ist ein gesundes
Maß an Mißtrauen wahrscheinlich lebensnotwendig. Aber glaube mir, mein Kind“,
Valentine stellte auch ihre Tasse ab, beugte sich vor und nahm Virginies Hände
in die ihren. „Bitte glaube mir, Kindchen, wir haben nichts weiter mit dir vor,
als daß du dich hier bei uns wohl fühlen sollst.“ „Aber warum? Weshalb
verschwenden Sie soviel Zeit und Geld auf mich?“ „Schätzchen, das ist doch
keine Verschwendung, im Gegenteil.“ Valentine wirkte fast entrüstet. „Höre,
Virginie. Wir, Armand und ich, und Julie natürlich auch, wir möchten, daß du
bei uns wohnst. Sieh mal, wir haben dich schon jetzt in unser Herz geschlossen.
Es gibt keinen Grund auf dieser Welt, daß wir dich jemals wieder auf die Straße
gehen lassen würden. Keinen einzigen, außer ... außer natürlich, du magst uns
nicht und möchtest gehen. Dann können wir dich nicht mehr aufhalten.“ Valentine
verzog schmerzhaft das Gesicht und ließ die Schultern hängen. „Nein, nein, Valentine! Sie
nicht mögen? Niemals! Ich ... ich möchte sehr gern bei Ihnen bleiben, aber ich
weiß nicht, ob das richtig ist.“ „Schätzchen, wie lange lebst
du auf der Straße, hm?“ „Also, bis ich fünf war,
glaube ich, lebte ich bei einer Frau, Madame Plaisseau. Sie hatte noch sechs
weitere Kinder, aber nur eines davon war ihr leibliches und das vergötterte sie
natürlich. Und so mußten wir anderen so viel arbeiten, damit sie ihrem Sohn
etwas schenken konnte. Na ja, so jung durfte ich ja kein Geld verdienen, aber
ich wusch ihre Wäsche und schrubbte den Küchenboden.“ „Mein armes Kind.“ Valentine
hob ergriffen eine Hand an den Mund. „Oh, so schlimm war es gar
nicht. Wir hatten alle etwas Stroh zum Schlafen und es gab immer genug Haferbrei.
Manchmal, am Sonntag, hatten wir sogar Brot.“ Valentines Augenlider
zitterten. „Schrecklich war es nur,
wenn der Mann nach Hause kam. Er war Seemann, wissen Sie, und so hatten wir die
meiste Zeit Ruhe. Aber manchmal, wenn er von Le Havre nach Hause kam... Er war
sehr, wie heißt das? Wenn jemand ganz schnell wütend wird.“ „Jähzornig?“ warf Valentine,
Schlimmes ahnend, ein. „Ja, ich glaube schon.
Zuerst war alles ganz schön, er brachte der Frau Geld mit und uns Kindern
Geschenke. Er hat mir eine kleine Puppe geschenkt. Die ist aber leider
zerrissen worden, als ich fort lief.“ „Du bist fort gelaufen? Oh,
Kind, hat er dir was angetan? Wollte er dir weh tun?“ Valentine konnte kaum
fassen, wie seicht und gelassen das Mädchen sprach. „Ich weiß nicht. Ich glaube
nicht. Eines Nachts kam er an mein Lager in der Küche und sagte, ich solle mit
ihm in die Kammer kommen, er wolle etwas mit mir besprechen. Ich hatte ein
bißchen Angst, weil ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Aber eigentlich
wußte ich nicht, was das sein sollte, und so ging ich hinter ihm her. Und in
der Kammer gab es kein Licht, weil man ja eigentlich auch nur tagsüber hinein
ging. Ja und dann fing er an, mich zu streicheln. Es tat nicht weh, aber es war
mir doch sehr unangenehm, und ich wußte gar nicht, was das sollte. Na ja, ich
war ja noch ein Kind und so dachte ich, vielleicht braucht er auch etwas zum
Einschlafen, und so gab ich ihm meine Puppe. Er hat sie genommen und
mittendurch gerissen. Da fing ich an zu weinen und lief zur Tür hinaus. Ja und
seitdem lebe ich auf der Straße. Ich habe eine kleine Holzkiste gefunden,
wissen Sie? Ich mag den Geruch von Holz sehr...“ Sie schien sich an diesen
Erinnerungen fast zu erfreuen. „Mon Dieu! So etwas
gibt es doch gar nicht! Weißt du noch, wo das Haus ist? Armand sollte sich
diesen Mann einmal vorknöpfen.“ Valentine geriet immer mehr in Rage. „Oh nein, bitte. Ich möchte
lieber nicht mit diesen Leuten reden. Sicher waren sie furchtbar wütend, als
ich am anderen Tag nicht mehr da war.“ Valentine warf ihr einen
mitleidigen Blick zu. „Schätzchen“, begann sie mit Nachdruck. „Du hast ganz sicher nichts falsch gemacht! Nein, ganz sicher nicht. Und du fragst mich, ob es richtig wäre, dich hier wohnen zu lassen? Ganz bestimmt ist es das! Sieh es doch so, du hattest dein ganzes Leben lang Pech und wir hatten immer nur Glück. Nun, fast immer.“ Sie stockte. Vermutlich dachte sie an Jérémy. „Und da ist es doch einfach
nur gerecht, wenn wir dir jetzt von unserem Glück abgeben. Gott hat Armand
nicht ohne Grund in diese Straße geschickt“, schloß sie. „Aber... ich möchte
nicht...“ „Kein Aber. Es gibt in
dieser Angelegenheit kein Aber!“ bestimmte Valentine. Sie erhob sich etwas
schwerfällig und drückte Virginie die Tasse in die Hand. „Kindchen, du ruhst
dich jetzt ein wenig aus und trinkst deine heiße Schokolade. Ich muß dich einen
Moment allein lassen, um mit der Köchin das Abendessen zu besprechen.“ Virginie empfing ein warmes
Lächeln und sah ihr nach, wie sie zur Tür heraus schwankte, ihr ordentliches
Gewicht auf den Hüften wiegend. |