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Kapitel V
Abendessen, jetzt schon? Es
ist doch erst früh am Nachmittag. Oder hatte denn das Wirtschaften vorhin so
viel Zeit in Anspruch genommen? Virginie nahm einen Schluck ihrer etwas
abgekühlten Schokolade. Ein merkwürdiger Geschmack, aber irgendwie gut, dachte
sie und schloß die Augen, um sich an Dinge erinnern zu können, die vielleicht
ein bißchen ähnlich schmeckten. Doch kurz darauf knarrte die Tür und ein leises
Schlurfen verriet, daß jemand ins Zimmer gekommen war. Virginie öffnete die
Augen und blickte in das fast erschrockene Gesicht Julies.
„Oh, es tut mir leid. Ich
wollte Sie... dich... Sie nicht wecken.“ Entschuldigend senkte sie den Blick.
„Nicht doch, ich habe gar
nicht geschlafen. Ich versuchte nur, herauszufinden, ob ich schon mal so etwas
wie Schokolade gekostet habe.“ Virginie lächelte ihr freudig zu. „Und von mir
aus können wir gerne du sagen.“ Jetzt wurde Julie vom Lächeln angesteckt. Ihr
Gesicht erhellte sich und Virginie meinte, daß sie schlagartig auch viel
gesünder wirkte.
„Ich glaube nicht, daß es
etwas Ähnliches wie Schokolade gibt. Das ist eine Pflanze, weißt du? Die kommt
von weit her.“ Julie ging zu dem kleinen runden Tisch neben dem Sessel, auf dem
Virginie saß, holte einen Korb mit Garn, Nadeln und einem Tuch darunter hervor
und setzte sich sacht auf die Chaiselongue. Nach einigem Zurechtlegen der
Materialien begann sie, eine halb fertige rote Rose mit kleinen Stichen zu
vollenden. Virginie schaute ihr aufmerksam zu und staunte über ihre Fähigkeiten.
Julie sah auf und wirkte belustigt.
„Na, möchtest du auch
sticken?“
„Ach, das ist also sticken?
Ich würde das auch gerne können.“
„Oh schön, dann bring ich es
dir bei. Komm her zu mir“, rief Julie und rückte begeistert ein Stück zur
Seite. Virginie ließ sich neben ihr nieder und betrachtete interessiert die
Blütenblätter auf dem Stoff.
„Das wird ein kleines
Kissen, weißt du. So etwas ist ganz leicht zu machen, auch wenn man erst
anfängt. Sieh her, das ist dein Stoff.“ Julie zog ein Stück weißes Leinen aus
dem Korb und breitete es auf dem runden Tischchen aus, das sie herangezogen
hatte. „Du nimmst dieses Kohlestück und zeichnest dir ein Motiv.“
„Ein... Motiv.“ Zaghaft nahm
Virginie die Kohle entgegen und starrte auf dem Stoff vor ihr.
„Ja, ein Bild. Die Umrisse
von dem... Na ja, was du dann sticken möchtest. Siehst du hier? Die Rose habe
ich auch erst vorgezeichnet, man sieht die Kohle noch, hier.“
„Und was soll ich sticken?“
„Nun, das mußt du
entscheiden. Blumen, Tiere, wenn du besser wirst, vielleicht sogar ein Gesicht,
den König, unseren vierzehnten Louis, oder so. Du kannst auch einen Satz
sticken wie ... tja, oder ein Gedicht, zum Beispiel: In allen vier Ecken muß
Liebe drin stecken!“ Julie kicherte leise ob ihres Scherzes.
„Nein. Nein, ich kann nicht
schreiben. Und ich kann auch keine Tiere zeichnen oder Blumen.“ Verzweifelt zog
Virginie die Brauen hoch und schüttelte den Kopf. Julie wirkte verlegen.
„Oh. Wenn das so ist...
vielleicht kann ich dir helfen. Ich könnte dir etwas vorzeichnen und dann
sticken wir es gemeinsam.“
„Ja, das ist eine gute
Idee.“ Erleichtert gab Virginie ihr die Kohle zurück.
„Also gut, laß mal sehen.“
Julie beugte sich über das Tischchen und den Stoff darauf, und nach kurzer
Überlegung flogen ihre kleinen zarten Finger flink über das weiße Leinen. „Und
schon ist es fertig. Siehst du?“ Sie richtete sich auf und lächelte ihrer
Partnerin zu. Virginie nahm den Stoff und besah ihn sich genau. Ungläubig ließ
sie ihn gleich darauf in den Schoß fallen und schaute Julie ins Gesicht.
„Das... Das ist ja eine
Katze!“
„Ja. Äh, magst du keine
Katzen? Ich kann dir auch etwas anderes zeichnen, wir können die Rückseite
nehmen.“ Doch Virginie gab den Stoff nicht her.
„Nein, doch. Ich meine, ich
mag Katzen! Sie fangen Ratten und Ratten können nachts sehr stören, wenn man
schlafen will! Ich mag Katzen sehr. Im Winter hatte ich mal eine, die kam immer
wieder zu mir zurück und wir haben uns in meiner Kiste gegenseitig gewärmt. Ich
mag Katzen! Und diese hier... die wirkt so echt! Ich bin nur überrascht, weißt
du. Ich hatte keine Ahnung, daß man mit Kohle eine Katze machen kann.“
Julie mußte schwer
schlucken, als Virginie von den Ratten erzählte, doch dann kicherte sie wieder.
„Nicht machen. Zeichnen. Sie
ist nicht echt, sie kann ja nicht vom Stoff springen und deine Schokolade
trinken!“ Julie bog sich vor Lachen, während Virginie leicht irritiert zu sein
schien.
„Nein, natürlich nicht. Aber
sie ... na ja. Sie ist wirklich sehr schön! Danke!“
„Oh nein, das ist noch nicht
alles. Das war doch nur der Anfang! Jetzt sticken wir sie, damit sie immer da
sein wird. Hier, nimm eine Nadel. Und jetzt den Garn, such dir eine Farbe aus.“
„Der blaue ist sehr schön.“
„Blau? Eine blaue Katze?“
Julie sah sie skeptisch an, doch als sie Virginie die Stirn kraus ziehen sah,
winkte sie schnell ab und rief: „Ja, blau ist gut! Natürlich, warum soll es
keine blauen Katzen geben? Ich finde, jemand sollte blaue Katzen züchten. Also
gut, hier, nimm das Ende vom Faden und schieb ihn in das Öhr. Das Loch da
oben.“ Julie biß das andere Ende des Garns ab und zeigte auf die Nadel.
Unbeholfen stach Virginie mit dem Faden auf die Nadel ein, bis das Ende ganz
ausgefranst war. Doch als Julie meinte, sie solle es mit etwas Speichel
befeuchten, klappte es schließlich und stolz hob sie die Nadel samt Garn in die
Höhe.
„Gut gemacht“, freute sich
Julie. „Und jetzt machen wir einen Knoten am anderen Ende und du stichst in den
Stoff hinein. Am besten hier, wo die Nase ist. Oh nein, nein, lieber von unten,
siehst du, du stichst von unten durch den Stoff, dann sieht man den Knoten
nicht, ja, so daß du an dieser Stelle wieder herauskommst. Ja, genau.“ Julie
schien aufzuleben in dieser Aufgabe. Immer erregter zeigte sie auf den Stoff.
Ihre kleine Zunge leckte kurz über die purpurroten Porzellanlippen. Virginie
wunderte sich fast, daß sie sich nicht verhaspelte. „Sehr gut! Und jetzt
stichst du gleich daneben wieder ein, ja, richtig. Und dann kommst du wieder
von unten nach oben, bis du die ganze Nase herum mit blauem Faden ausgefüllt
hast.“ Virginie lernte schnell, aber Julie erklärte es ihr auch sehr
verständlich, und so hatte sie einen Erfolg nach dem anderen zu verbuchen: Die
Nase entstand, dann die Ohren, der Rücken, der Schwanz, die Pfoten und der
Bauch, bis sie schließlich am Mäulchen wieder ankam. Die Konturen einer blauen
Katze waren entstanden.
Kapitel VI
Als Valentine, angelockt von
hohen Hurra-Rufen und lustigem Gekreisch, durch einen Spalt der Tür lugte,
konnte sie sich vor Freude kaum halten. Zwei junge Mädchen saßen auf der Couch und
stickten fröhlich Rosen und Katzen. Julie, schon immer sehr in sich gekehrt und
ruhig gewesen, hatte sich nach dem plötzlichen Tod der Mutter und des Vaters,
des Bruders Valentines, völlig in sich selbst zurückgezogen, ging lethargisch
umher, schien nie zu wissen, wo sie eigentlich war und wurde oft ganz
unerwartet von Weinkrämpfen geschüttelt. Doch jetzt wirkte sie unverhofft
genesen und schien vollkommen gesund. Ihre Wangen hatten sich gerötet und die
Stupsnase ragte keck in die Luft. Die zersausten Löckchen, die sich aus dem
Knoten gelöst hatten, gaben ihrem Gesicht einen natürlicheren Ausdruck und die
wachen Augen kündeten von Heiterkeit und Spaß. Valentine wurde es warm ums
Herz, als sie erblickt wurde und beide Mädchen stolz ihre Arbeit präsentierten.
Sie konnte nicht an sich halten, sie mußte die beiden in die Arme nehmen. Und
nach einer langen Umarmung löste sich Virginie von ihr und hauchte einen Kuß
auf ihre Wange.
„Oh. Hätte ich das nicht tun
sollen?“ Virginie wurde unruhig, als sie Tränen in ihren Augen sah.
„Doch, mein Schatz“,
erwiderte Valentine gerührt. „Das kannst du tun, sooft du willst. Ich freue
mich sehr darüber.“ Und mit einem Lächeln zog sie Virginie und Julie erneut an
sich und preßte die beiden an ihren üppigen Busen.
„Wißt ihr, was ich jetzt tun
möchte? Ich möchte in die Bibliothek gehen und euch beiden eine Geschichte
vorlesen. Meine Mutter las sie meiner
Schwester und mir sehr oft vor und jetzt möchte ich ein bißchen Mutter
sein, von zwei so wunderhübschen Töchtern.“
Tochter? Virginies Herz
schien in ihrer Brust zu zerspringen. Erschrocken legte sie eine Hand darauf.
Sie hatte nicht gewußt, daß Herzen hüpfen können. Aber es war ein angenehmes
Gefühl und, es ihrem Herzen gleich zu machen, hopste sie hinter Valentine und
Julie her, durch die Tür hinaus und die Treppe herauf. Die kurze Galerie
entlang gehend, wunderte sich Virginie flüchtig, wie viele Zimmer es in diesem
Haus wohl noch geben mochte. Valentine öffnete eine Tür, die der Wand so gut
angepaßt war, daß Virginie sie wahrscheinlich allein nie gefunden hätte.
Die Bibliothek wurde von
Rot, Grün und Brauntönen dominiert. Ein angenehmer Duft von Papier und leichtem
Staub stieg Virginie in die Nase, so daß sie leise niesen mußte. Die Wände
schienen vier Meter hoch zu sein und doch ragten schwere Eichenregale bis zur
Decke. Eine Tafel aus Ebenholz in der Mitte, mit zehn hochlehnigen,
ledergepolsterten Stühlen lud zum Studieren oder – wie war das? – Dinieren ein.
Valentine griff zielsicher ein Buch auf Augenhöhe heraus und machte es sich auf
einem mit rotem Samt bezogenen Sofa vor dem kalten Kamin bequem. Sie winkte die
Mädchen herbei, sich neben sie zu setzen, und mit jeweils einer jungen Dame im
Arm, schlug sie das Buch auf und begann zu lesen.
Als zwei jungen Mädchen, Clémentine und Désirée, die
am Rande von Saint-Tropez mit ihrer Mutter in einem großen weißen Haus wohnten,
eines Tages ein Hund zulief, beschlossen sie, mit ihm einen Spaziergang am
nahen Strand zu machen. Erschrocken rannten sie ihm nach, als der Hund in den Dünen
verschwand, doch gleich darauf kam er ihnen wieder entgegen, ein junger Mann
hinter drein. Clémentine und Désirée verliebten sich beide schier unsterblich
in diesen hübschen Jüngling, doch schließlich konnte nur eine ihn heiraten.
Ihre Mutter erkannte das Problem sofort und so ließ sie jedes der Mädchen in
sein Zimmer gehen und stellte ihnen abwechselnd die gleiche Frage: Was liebst
du so an ihm?
Clémentine antwortete, daß
seine blonden Haare es ihr angetan hätten, die blauen funkelnden Augen und das
spöttische Lächeln um seinen Mund.
Désirée
hingegen sprach: „Ich liebe seinen Humor, seine Kraft, die sich in Taten wie in
Worten ausdrückt, seine Art mich anzusehen, der warme Ton in seiner Stimme,
wenn er mir Gedichte vorliest und seine Meinung über Kinder, die eine sehr
schöne ist und meiner gleicht.“
Die Mutter der Töchter
erfaßte, daß Clémentine die Äußerlichkeiten, Désirée hingegen die inneren
Charakterzüge schätzte und so entschied sie, daß Désirée ihn heiraten solle.
Clémentine erkannte den Grund und gab ihr Recht. Und schließlich fand auch sie
auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester einen jungen Mann, an dem ihr mehr
gefiel als nur das schöne Gesicht.
Mit einem Lächeln um die
Lippen schloß Valentine langsam das Buch.
„Ein schöne Geschichte“,
schwärmte Julie mit verträumtem Schleier um die Augen.
„Ja, wirklich“, meinte
Virginie. „Was ist aus dem Hund geworden?“
„Nun, das weiß ich leider
nicht. Aber wahrscheinlich spielt er jetzt mit Désirées Kindern.“ Valentine
erhob sich. „Nun kommt, meine Lieben, das Diner wird sicher gleich serviert. Es
ist schon wieder dunkel geworden.“
Julie und Virginie hakten
sich an Valentines Armen unter und gemeinsam gingen sie hinunter in den
Speisesaal. Der gleiche festlich geschmückte Tisch wie auch am Abend zuvor
erwartete sie bereits. Armand wartete schon auf seinem Platz auf sie und stand
nun auf, um erst seiner Mutter, dann Julie den Stuhl zurecht zu rücken. Als er
auch Virginie helfen wollte, hatte sie sich längst niedergelassen. Auf ihre
Frage, ob sie sich denn noch einmal erheben solle, lächelte er und winkte ab.
„Aber morgen wissen Sie dann
Bescheid.“
„Ja, ganz bestimmt“, lachte
Virginie und richtete ihren Blick in weite Ferne. Morgen! Ja, morgen würde sie
noch immer hier sein. Und auch am Tag danach. Sie hatte wahrhaftig ein Zuhause
gefunden! Mit verklärten Augen strich sie über die kleine Tischgesellschaft.
Ein Zuhause, ja, und eine Familie noch dazu.
In diesem Moment wurde
Virginie in ihren Gedanken unterbrochen, denn Cathérine kam herein,
schwerbeladen mit der Suppenterrine. Virginie ließ sich reichlich Brühe geben,
doch kostete sie vorsichtig und aß langsamer denn je zuvor.
Kapitel VII
„Schätzchen, ich glaube, die
Gefahr ist vorüber“, sagte Valentine.
„Ja, ich denke auch, Sie
können jetzt wieder normal essen“, versicherte Armand.
Nach diesen Worten langte
Virginie kräftig zu. Den Rest der heißen Brühe tunkte sie mit etwas Brot auf,
wobei sie allerdings darauf achtete, es sorgfältig und lange zu kauen.
Der zweite Gang bestand aus
einem kleinen Vogel, der goldbraun gebraten in einem Nest aus gekochten grünen
Bohnen auf Virginies Teller lag.
„Kann man denn Spatzen
essen?“
Während Valentine nur
gluckste, schoß Julie prustend der Wein aus dem Mund. Sie lachte so laut, daß
es ihr kaum möglich war, sich zu entschuldigen. Mit Mühe beherrschte sich
Armand.
„Das ist eine Wachtel“,
klärte er sie auf. „Ein sehr schmackhafter Wildvogel. Probieren Sie nur!“
Julie hatte sich kaum
beruhigt, da lachte sie von Neuem als sie sah, wie Virginie den Vogel in beide
Hände hob, ihn abschätzend untersuchte und schließlich die Zähne mitten in
einen winzigen Schenkel schlug.
„Was ist?“ Virginie
nuschelte ob des vollen Mundes. „Hab ich was falsch gemacht?“
„Nun“, versuchte Armand ein
Kichern zu unterdrücken, „nicht direkt falsch, nein. Nur etwas anders. Sehen
Sie, wir essen normalerweise mit Messer und Gabel.“
„Oh...“ Vorsichtig legte
Virginie den kleinen Vogel zurück in sein Nest.
„Nein, Schätzchen, iß nur
weiter. Und weißt du was? Wir machen es jetzt auf deine Weise“, meinte
Valentine und mit spitzen Fingern nahm sie nun ihrerseits die Wachtel von ihrem
Teller in die Hände. Kichernd taten Julie und Armand es ihr gleich und mit
lautem Verkünden des Wohlgeschmacks ließen sie ihre Bissen im Munde zergehen.
„So schmeckt es ja viel
besser!“ Julie konnte kaum an sich halten. Im Nu hatte sie das Fleisch von den
Knochen genagt und verschlungen und leckte den Saft genüßlich von den Fingern.
„Laßt uns darauf trinken!“
Armand erhob sein Glas. „Auf Virginie, die für uns eine große Bereicherung ist,
nicht nur in kulinarischer Hinsicht!“
Lachend ließen sie die
verdutzte Cathérine den Tisch abräumen. Die folgenden Gänge brachte Virginie
etwas mühsam hinter sich. Alles schmeckte ihr wirklich gut, Fisch und Wild
waren ausgezeichnet gewesen, doch allmählich fragte sie sich, wann der
Zeitpunkt wohl gekommen sein mag, an dem ihr Bauch platzen würde. Nie hatte sie
so viel gegessen, noch dazu solch schmackhafte Gerichte, hübsch angeordnet auf
dem Teller und mit Liebe dekoriert. Kaum noch konnte sie sich regen, als Armand
der kleinen Familie vorschlug, den Cognac in der Bibliothek zu nehmen.
Dort war das Feuer
inzwischen entfacht und lodernd verbreitete es angenehme Wärme im ganzen Raum.
Virginie machte es sich auf der samtenen Couch bequem, auf der sie am
Nachmittag Clémentine und Désirée kennengelernt hatte. Armand setzte sich neben
sie in den großen dunkelgrünen Ohrensessel, der so fantastisch zum ahornbraunen
Läufer davor paßte. Julie und Valentine hingegen nahmen sich jeweils ein Buch
aus den Regalen und verabschiedeten sich bald, um sich ins Bett zu legen.
So blieben Virginie und
Armand allein, in den Händen ein Cognacglas und in die Flammen im Kamin
starrend.
Der Weinbrand hatte seinen
Namen nicht umsonst, dachte Virginie, denn sein Geruch stach sie in die Nase
und tatsächlich brannte er nach einem Schluck noch lange auf Lippen, Zunge und
Gaumen. Erst im Magen angekommen, wärmte er angenehm von innen.
Nach einer Weile begann
Virginie unruhig zu werden. Die Frage nach Jérémy piekte ihr in der Seele, doch
wie sollte sie ihn darauf ansprechen, ohne ihn an das traurige Ereignis zu
erinnern? Das war unmöglich, denn wer an Jérémy denkt, hat auch den grausamen
Mord im Sinn.
„Ich sehe, Sie wollen etwas
sagen. Nur heraus damit“, unterbrach Armand ihre Zweifel.
„Nun, ich... Nein, ich
glaube nicht.“
„Oh, keine Zierde bitte. Wir
verstehen uns doch sehr gut. Was könnten Sie schon Unangenehmes sa- ...“ Armand
verstand. Er las die Antwort in ihren Augen. Er senkte den Blick und räusperte
sich, doch die Entschuldigung Virginies wollte er nicht annehmen. „Nein, nein.
Es ist schon gut. Sie haben jedes Recht, es zu erfahren, schließlich leben Sie
jetzt auch hier und gehören schon zur Familie. Nur haben Sie bitte ein wenig
Geduld mit mir. Es ist noch immer sehr schwierig für mich, darüber zu
sprechen.“
„Wie lange ist es her?“
„Es geschah im Oktober vor
etwa drei Jahren. Schon vorher bemerkten wir eine Veränderung an ihm. Etwas war
mit ihm passiert. Verstehen Sie, er war schon immer ein sehr ruhiger Junge, und
eines Tages, da war er gerade dreiundzwanzig geworden, kommt er durch die
Haustür und schreit durch das ganze Haus. Ein atemloser, langgezogener Schrei
lockte alle Menschen in die Eingangshalle. Jeder vermutete eine schlimme
Botschaft, eine Verletzung oder sonst etwas in der Art. Doch nein, er stand da,
wartete auf uns und als wir kamen und ihn ratlos ansahen, da lachte er. Aus
vollem Halse! Er stand da und lachte.
Es kam uns vor, als sei er
verrückt geworden und auf unsere Frage hin, was denn nun los sei, da sagte er
nur: ‚Ich bin verliebt! Ich bin verliebt, Armand. Ich bin verliebt, Maman. Ist
das nicht wundervoll?’ Und noch bevor wir etwas erwidern konnten, fiel er uns
in die Arme und tanzte mit Maman durch den Salon. Eine Zeitlang war er sehr
glücklich, das sah man ihm an. Doch nie sprach er darüber, niemals hat er den
Namen seiner Auserwählten verraten. Und schon gar nicht hat er jemals das Wort
Hochzeit ausgesprochen.“
Virginie lächelte, obwohl
ein merkwürdiges Gefühl im Bauch sie zweifeln ließ, als ob dieses plötzliche
Glück unnatürlich wäre. Doch schließlich war ihr gerade etwas ähnliches
geschehen: Sie hatte ein Zuhause und eine Familie bekommen, aus heiterem
Himmel!
„Nach einer Weile“, fuhr
Armand fort, „trübte sich sein Blick etwas. Er lachte nicht mehr ganz so oft.
Auf Fragen antwortete er, es sei nichts, es sei schon alles in Ordnung, doch
wir vermuteten, daß er log. Wir dachten einfach, seine Liebe würde ein bißchen
schwinden. Vielleicht hatte die Dame eine geliebte Eigenschaft verloren oder
ihre Intelligenz war nicht gar so ausgeprägt, wie Jérémy es vorher geglaubt
oder erwünscht hatte. Oder sie hatte seinen Antrag abgelehnt. Wir dachten, sie
würden sich in nächster Zeit trennen und das Leben würde weitergehen, wie
vorher.“ Er lachte bitter. „Doch Jérémy wurde immer verzagter und deprimierter.
Er fragte nach Geld, was er vorher nie getan hatte. Die Summen, die er
verlangte, wurden immer gewaltiger.
Oft saß er tagelang
eingeschlossen in seinem Zimmer, nahm höchstens etwas Wasser von dem Tablett,
das Cathérine ihm vor die Tür stellte. Wir haben nicht einmal bemerkt, wie er
sich eines Nachts aus dem Haus geschlichen hatte. Am nächsten Morgen klopfte
ein Gendarm an unsere Tür. Er hatte sich Jérémy über die Schulter gelegt und
trug ihn in sein Zimmer. Er sagte, er habe ihn am Ufer der Seine gefunden, nahe
am Pont-Neuf. Und da er mich als seinen Vorgesetzten kannte, hat er ihn als
meinen Bruder ebenfalls erkannt.
Jérémy war nicht bewußtlos,
nur sehr benommen. Am Mittag des gleichen Tages begannen die Schweißausbrüche.
Sein Laken war triefnaß und irgendwann sah auch Cathérine ein, daß das Abtupfen
seines Körpers nichts bringen würde.“ Armand zog gequält die Augenbrauen
zusammen.
„Jérémy warf sich hin und
her und kurz darauf mußte er würgen. Er erbrach sich in die Suppe, die
Cathérine ihm vorhielt. Er erbrach sich auf die Decke, auf das Bett, auf den
Teppich davor. Kein Mensch konnte soviel Flüssigkeit in sich haben! Und
irgendwann schien es tatsächlich, als würde er Blut spucken. Dann kam der
Durchfall dazu. Vollkommen unkontrolliert. Der Arzt sagte, sein Inneres wolle
sich selbst nach außen kehren. Und genauso schien es uns.“ Er schlug die Hände
vors Gesicht. „Es war furchtbar, all das Blut! Und manchmal, wenn wir nicht
schnell genug waren, das Laken zu wechseln, lag er in seinem eigenen... nun ja.
Können Sie das fassen, Virginie? Können Sie sich so etwas vorstellen?“
Herausfordernd blickte er
sie an. Er sah Tränen ihre Wangen nässen. Sie hatte eine Hand an die Lippen
gepreßt und mit schimmernden Augen sah sie ihm direkt ins Gesicht. Sofort wich
Armand zurück.
„Es tut mir sehr leid“,
murmelte er. „Bitte verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht anfahren. Es ist nur...
es fällt mir so schwer, es zu begreifen. Es ging alles so schnell, doch
eigentlich kam es uns vor, als würde mein großer Bruder sich tagelang quälen.
Irgendwann beruhigte er sich. Er hatte sich entschieden, nicht weiter zu
kämpfen. Ich stützte seinen Kopf mit einem Kissen und nahm seine Hand in meine.
Schwach blickte er mich an und krächzend brachte er noch zwei Worte hervor, als
er auch schon mit einem seligen Lächeln auf den Lippen entschlief, erfreut
darüber, daß es nun endlich vorbei war.“ Armand sank in sich zusammen und
suchte im Feuer Jérémys Gesicht. „’Gift’, sagte er, und ‚Talle-Munie’.“
„Talle-Munie?“ Virginie
wagte kaum, die schwankende Stimme zu gebrauchen.
„Die
Comtesse Sophie Rose de la Talle-Munie. Sie war seine Geliebte, vermute ich. Und seine
Mörderin.“
„Haben Sie sie verhaftet?“
Ein böses Lachen entfuhr
Armand. „Nein.“
Virginie fuhr zusammen. „Was
denn, Sie wissen, wer ihn umgebracht hat? Und diese Frau läuft noch frei herum?
Wieso, was soll das? Sie sind ein Gendarm! Gehen Sie los und sperren Sie sie
ein!“
„So leicht ist das leider
nicht.“ Armand lächelte gerührt und beugte sich vor. „Ich kann ihr nichts
beweisen, verstehen Sie? Ich kann nicht beweisen, daß sie es war, obwohl ich es
ganz genau weiß.“
Entsetzt ließ Virginie sich
in die Lehne des Sofas fallen. Das war nicht richtig. Das war vollkommen
falsch. Eine Frau, ein Monster macht einen Mann nicht nur unglücklich, nein,
sie nimmt ihm auch sein Leben. Vielleicht haben sie Wein getrunken, in der
Nacht, als Jérémy sich aus dem Zimmer und zur Tür hinaus schlich. Virginie war
sicher, das er zu ihr gegangen war. In einem unbedachten Moment ließ die
grausame Frau das Gift in sein Glas fallen. Vielleicht war es auch schon vorher
drin, vielleicht hatte sie ihn erwartet, das Glas in der Hand. Und dann, auf
dem Nachhauseweg, begann das Gift zu wirken. Das war nicht gerecht. Man mußte
etwas tun. Diese Frau mußte bestraft werden!
„Was brauchen Sie denn?“
fragte Virginie zaghaft.
„Wie bitte?“ Armand schien
aus einer Trance zu erwachen.
„Was brauchen Sie, um es zu
beweisen?“
„Nun, na ja, Beweise eben.
Vielleicht das Gift und ein eindeutiges Indiz dafür, daß es sich in ihrem
Besitz befindet und damals auch befand. Oder ein Geständnis, das würde mich
auch weiter bringen, falls sie es vor Zeugen aussprechen sollte.“ Ein Glitzern
in Virginies Augen irritierte ihn. Eine Idee reifte in ihr heran. Armand hatte das
unbestimmte Gefühl, daß sie ihm nicht gefallen würde. „Was denn, Sie... Wissen
Sie, wie wir an solche Beweise kommen können?“
„Versprechen kann ich es
natürlich nicht, aber...“ Virginie rieb die Handflächen aneinander und ein
Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Vielleicht kann ich Ihnen helfen, wenn ich
diese Comtesse beobachten würde, ständig in ihrer Nähe wäre.“
„Und wie soll das vonstatten
gehen?“ Skeptisch zog Armand die Stirn kraus. Virginies Lächeln wurde noch
breiter. Die Idee war ausgewachsen.
„Indem ich dort arbeite! Als
Küchenmagd zum Beispiel, oder als Wäscherin.“
„Nein. Nein!“ Entschlossen
winkte Armand ab. „Auf keinen Fall. Nichts ist so wichtig, als daß ich erlaube,
daß Sie sich dafür in Gefahr begeben!“
„Gefahr! Nein, nicht doch!
Gefährlich wird es nicht für mich. Niemand beachtet eine kleine Magd. Und
schließlich muß ich mich im ganzen Haus bewegen, um zu putzen und Wäsche in
Schränke zu legen. Nein, gefährlich wird es nur für die Comtesse.“ Allmählich,
ganz langsam, fand er Gefallen an der Idee und schließlich lächelte auch
Armand.
Kapitel VIII
„Nein!“ Valentine schrie und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Nein! Du
wirst mir meine Virginie nicht wieder wegnehmen! Auf keinen Fall, in keiner
Situation erlaube ich, daß mein kleines Mädchen sich in dieses Haus, in diese
Höllengruft begibt!“
Der nächste Morgen versprach einen sonnigen Tag. Armand und Virginie
hatten noch stundenlang in der Bibliothek geredet, sich schließlich einen Plan
zusammengesetzt, der machbar, aber noch lückenhaft war. Erst spät entschieden
sie, daß etwas Schlaf ihnen weiter helfen konnte.
Im Speisesaal beim Frühstück unterhielten sie sich,
beide früh erwacht, nun angeregt weiter, als Valentine hereinkam, einige
Wortfetzen auffing und in ihrer natürlichen Neugier fragte, worum sich das
Gespräch drehe.
Virginie und Armand waren um Worte verlegen. Sie
hatten es ihr und Julie erst später mitteilen wollen, ihnen den perfekten Plan
ihrer Vorgehensweise präsentieren wollen, der kaum Widersprüche, Ängste und
Zweifel zulassen sollte. Nun, dieser Teil ihrer Idee war offensichtlich
gescheitert.
„Oh Maman, bitte, beruhige dich, höre uns doch erst
einmal an!“ versuchte es Armand.
„Valentine, bitte, es liegt uns fern, Ihnen Kummer
zu bereiten“, beschwichtigte Virginie.
„Kummer? Ha! Ihr bereitet mir sehr großen Kummer, wenn ihr mir
nicht sofort sagt, daß das eben ein dummer Scherz war! Meine Virginie! In
dieses Haus! Oh großer Gott, hilf.“ Schwach sank Valentine auf einen Stuhl,
schloß die Augen und preßte eine Hand an die Stirn.
„Was ist denn hier los?“ Das laute Gezeter
hatte Julie herbei gelockt, die blaß und schwankend im Türrahmen stand. Schon
die Ahnung von Aufregung war zuviel für sie.
„Ach Julie, mein armes Kind. Komm her zu
mir, Armand und Virginie erlauben sich schreckliche Scherze mit uns.“
Valentine legte einen Arm um Julies Taille
und drückte sie an sich, während Armand und Virginie sich fragende Blicke zu
warfen. Wer würde es zuerst wagen, den Mund wieder aufzutun? Es war Virginie,
die dieses Mal mehr Mut bewies: „Sehen Sie, Valentine. Und auch du, Julie. Wir
wollen euch die Geschichte von Anfang an erzählen. Gestern abend saßen Armand
und ich noch lange in der Bibliothek am Feuer.“
„Ja, und da kamen wir so ins Erzählen und
da fragte sie mich nach Jérémy“, unterbrach Armand.
„Und er erzählte mir alles“, übernahm
Virginie wieder, „von seinem plötzlichen Glück, wie er ruhiger wurde, nach Geld
fragte und schließlich von diesem Gendarm am Ufer der Seine gefunden wurde. Und
von seinen letzten Worten: ‚Gift’ und der Name ‚Talle-Munie’. Armand vermutet,
daß er die Comtesse de la Talle-Munie meinte, und daß sie seine Geliebte und
seine Mörderin sei, aber Armand konnte sie nicht verhaften, weil niemand
beweisen kann, daß sie es wirklich war.“ Virginie sprach immer schneller, aus
Angst, jemand anders als Armand könne sie unterbrechen. „Also kam ich auf die
Idee, daß man sie ständig beobachten müsse, vielleicht sogar belauschen. Ich
habe das mal gemacht bei einem Clochard,
von dem ich die Ahnung hatte, er hätte ein Stückchen Stoff, das ich als Decke
benutzte, aus meiner Holzkiste gestohlen. Und tatsächlich hatte er es dann auch
in seinem Schlupfloch versteckt!“
„Und wer“, lenkte Armand Virginies Rede
schnell wieder ab, „könnte eine Comtesse besser beobachten als ein Hausmädchen,
das in ihrem eigenen Haus überall herumlaufen kann, ohne bemerkt zu werden und
ohne gegen ein Gesetz zu verstoßen?“
Valentine konnte ihm schwer das Recht
abschlagen, dennoch wand sie sich in Zweifeln. Und Julie schien langsam zu
verstehen.
„Was denn, ihr wollt Virginie in dieses
Haus lassen, zu dieser Frau? Was, wenn sie sie auch umbringt?“ fragte sie ein
klein wenig naiv.
„Aber warum sollte sie das tun? Sie braucht
schließlich auch Hausmädchen, die sauber machen und das Essen auf den Tisch
stellen! Und wer weiß, solange wir nichts beweisen können – vielleicht war sie
es ja gar nicht!“ überlegte Virginie.
„Außerdem werde ich ständig in ihrer Nähe
sein. Wir treffen uns laufend, um Informationen auszutauschen. Und falls
wirklich der Verdacht besteht, daß Virginie etwas zu stoßen könnte, werde ich
sie sofort dort weg holen und in Sicherheit bringen!“ wandte Armand ein. Doch
Valentines Gesicht verhärtete sich plötzlich.
„Ich kann dir nicht erlauben, in dieses
Haus zu gehen! Das ist ein unsinniger Plan, er ist unsinnig und gefährlich.“
Sie blickte Virginie in die Augen und schlug mit der Faust auf den Tisch, was
ihre Aussage unterstreichen sollte, aber leider beinahe lächerlich wirkte ob
des schwachen Schlages und des leisen Geräuschs, daß er verursachte. Doch ihre
Augen, groß und warm, versuchten Virginie ganz einzufangen und zu zwingen,
Vernunft anzunehmen.
Wie könne sie ihr das antun? Kaum geliebt,
sich der Liebe so schnell entziehen? Und Valentines Herz dabei mit sich nehmen?
Virginie erwiderte den Blick, beruhigend,
sanft, doch standhaft bleibend.
„Ich muß etwas tun, um meine Dankbarkeit zu
beweisen, euch allen gegenüber.“ flüsterte sie.
„Daß du hier bist, ist Dank genug.“
Valentines Stimme zitterte. Sie streckte ihre Hand aus, Virginie reichte ihr die
ihre entgegen.
„Mir reicht es noch lange nicht. Nur Taten
brachten mich bisher im Leben weiter. Laßt mich eure Liebe verdienen.“
Tränen näßten ihr Gesicht, als Valentine nach einer Weile besiegt
und schweigend nickte. Die anderen hatten nur stumm dagestanden, kaum ein Wort
vernommen, doch wußten sie, daß der Plan in die Tat umgesetzt werden sollte.
Virginie würde in das Haus der Mörderin ziehen!
Kapitel IX
Doch bis es soweit sein sollte, war noch
viel zu tun. Armand lief zu seinem Vorgesetzten und klärte ihn über die
vergangenen Geschehnisse und sein zukünftiges Vorhaben auf. Er traf auf
vollkommenes Verständnis und das Versprechen, soviel Zeit und Geld wie nötig zu
bekommen und auch sonst alle mögliche Unterstützung.
Valentine ließ den Schneider und den
Schuster noch einmal kommen und bestellte einfache Kleider und Schuhe bei
ihnen. Cathérine und Julie hingegen klärten die lernbereite Virginie auf, wie
sich ein Hausmädchen zu betragen hatte und auf welche Weise es sich am besten
unhör- und unsichtbar machte.
Zehn Tage lang dauerten all diese
Vorbereitungen und schließlich zeigte Virginie der Familie in einer
achtstündigen Generalprobe, wieviel sie vom Wäschewaschen, Bügeln, Kochen,
Gedecke auftragen, Bedienen und dem Umgang mit Höhergestellten gelernt hatte.
Sie bewährte sich gut. Etwas hatte sie ja auch schon früher bei der Plaisseau
gelernt.
Am Morgen darauf nun hatte die Stunde
geschlagen. Virginie mußte Abschied nehmen von Valentine, Julie, Cathérine und
der Köchin Barbette, die selbst auch viel von ihrem umhegten Wissen preis
gegeben hatte. Selbst der Hausdiener Baptiste, in dem Virginie am
Abend ihrer Ankunft einen livrierten Lakai gesehen hatte, schien seine ewig
verhärtete Miene zu erweichen, als Virginie ihm zum Abschied auf die Schultern
klopfte.
Valentine und Julie wären gern mitgekommen,
wenn Armand sie nachher in der Mietskutsche zu einer Ecke vor dem Haus der
Comtesse fuhr. Doch schien das zu gefährlich. Großes Aufsehen mußte vermieden
werden, sie könnten beobachtet und wiedererkannt werden. Es wäre doch seltsam,
daß ein Mädchen aus einer schicken Kutsche aussteigt, Frauen in teuren Kleidern
umarmt und kurze Zeit später als Magd arbeitet, meinte Virginie. So fanden die
Umarmungen zuhause statt.
Valentine konnte sich nicht verkneifen,
Virginie die letzten guten Ratschläge auf den Weg zu geben und Julie versteckte
ihre rote Nase und die verweinten Augen permanent hinter einem blumenbestickten
Taschentuch. Ein lautes Schluchzen wünschte ihrer neuen Freundin viel Glück.
Natürlich war auch Virginie traurig, ihrer
neuen Familie sobald wieder Adieu sagen zu müssen, doch hielt sie ihre Tränen
gut zurück. Zu nervös machte sie die bevorstehende Ankunft in einem Haus, daß
sie nicht kannte und bei einer Hausherrin, die sie eigentlich nicht
kennenlernen wollte. Tapfer strich sie ihr schlichtes weißes Kleid aus grobem
Leinen zurecht, schlug die Hacken ihrer braunen Holzschuhe hart aneinander und
lächelte noch einmal aufmunternd in die Runde.
„Wird schon gut gehen“, riefen ihre
beredten grünen Augen, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte, ihre braunen
Locken zurückwarf und die Stufen vor dem Haus hinunterstieg auf die
Mietskutsche zu. Armand, der auf sie gewartet hatte, öffnete den Verschlag,
half ihr beim Einsteigen und kletterte selbst hinter ihr hinein.
Ein wehes „Mon Dieu“ entfuhr Valentines zitternden Lippen, als die
Kutsche um die Ecke und somit ihrem Blick entschwand.
Lange fuhren sie an der Seine entlang, die
Kathedrale Notre-Dame-de-Paris im Rücken, bis die zwei Pferde die Kutsche um
eine Kurve zogen und stehenblieben.
„Sie müssen jetzt wieder um die Ecke zurück
und dann noch ein Stückchen geradeaus, immer an der Seine entlang, bis sie zu
einem dreistöckigen Haus mit großem Balkon an der oberen Etage kommen“, sprach
Armand nüchtern.
„Mit rosafarbenem Giebel, ich weiß“, setzte
Virginie lächelnd hinzu. Doch plötzlich wurde Armand dringlich. Er rückte
näher, nahm ihre Hand, ließ sie unschlüssig wieder los.
„Virginie, ich... Bitte, seien Sie
vorsichtig.“ Er wollte vielmehr sagen, doch was, das wußte er nicht. Virginie
schenkte ihm einen warmen Blick aus grünen Augen.
„Ich verspreche es Ihnen.“ Sie öffnete den
Verschlag mit einer Hand und sprang behende auf die Straße. „An dieser Ecke,
morgen. Adieu!“ flüsterte sie, schlug das Türchen zu und machte sich mit
schnellen Schritten auf den Weg zu einem Haus mit rosafarbenem Giebel.
Nur nicht zurückblicken, dachte sie. Nur
immer weiter laufen, laß das mulmige Gefühl im Bauch bloß nicht gewinnen! Lauf
weiter, so als gäbe es dort einen Edelstein, den dir jemand schenken möchte.
Sich auf diese Art Mut zu sprechend, bog
sie lebendig um die Ecke, lief ein paar Schritte weiter und blieb abrupt
stehen. Zuerst sah sie es aus dem Blickwinkel, ein großes Haus, drei
Stockwerke, ein großer Balkon am zweiten und ein rosafarbener Giebel.
Langsam stieg sie die Stufen zur Tür
hinauf, doch nein, sie mußte doch zum Dienstboteneingang! Wo mochte der sein?
Links neben der Treppe zeigte sich eine kleinere, schlichtere Tür, an die
Virginie nun klopfte. Einige Augenblicke und ein weiteres, etwas lauteres
Klopfen später öffnete ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen, also ein bißchen
älter als sie.
„Was kann ich für dich tun?“ fragte es
munter.
„Äh, salut! Ich ... äh, habt ihr hier vielleicht eine Stelle frei?“
„Nun ja, wir suchen tatsächlich eine
weitere Hilfe.“ Abschätzend ließ das Mädchen den Blick an Virginie herab und
wieder hinauf gleiten. „Was kannst du denn so?“
„Ich kann kochen, putzen, Wäsche waschen,
bügeln... ähm, und Essen servieren“, zählte Virginie auf. Das Mädchen lächelte
spöttisch.
„Also servieren dürfen hier nur die
hochgestellten und extra ausgebildeten Leute. Und kochen! Erzähl das nur nicht
Minette, der Köchin, die reißt dir den Kopf ab! Aber komm erst mal rein, ich
muß dich der Wirtschafterin vorstellen, und hab nur keine Angst vor ihr, sie
tut nur so griesgrämig, manchmal erwischt man sie, da ist sie plötzlich ganz
lieb!“
Virginie ließ sich ins Haus und durch einen
Gang ziehen, der bei weitem nicht so schön tapeziert war wie die Wände der
Blunières. Kalter Stein auf dem Boden ließ das Klappern ihrer Holzschuhe laut
erschallen. Das Mädchen vor ihr zog sie bis in einen kleinen kalten Raum, in
dem eine alte dürre Frau hockte, die mit einem verbissenen Zug um den faltigen
Mund aufsah und die Brauen zusammenzog, als sie die Ankömmlinge erblickte.
Kapitel X
„So!“ erklang eine rauhe Stimme aus dem
kalten Mund dieser Madame Constant. „Du bist Virginie und willst für mich
arbeiten. Weißt du eigentlich, was das bedeutet?“ herrschte sie sie an.
„Nun, ich denke, es bedeutet, Wäsche zu
waschen, zu bleichen, zu stärken, zu bügeln und sie in Schränke zu legen.“
sagte Virginie ungerührt.
„So, denkst du das! Zuerst einmal möchte
ich dir sagen, daß Denken für ein junges Mädchen sehr gefährlich und daher in
diesem Hause streng verboten ist!“ zischelte die Alte. „Des Weiteren hast du
nur am Donnerstag, Freitag und Sonnabend Wäsche zu waschen! Am Montag, Dienstag
und Mittwoch wirst du den Boden im Flur des ersten und zweiten Stocks schrubben
und den Teppich auf jeder einzelnen Stufe der Treppe von Fusseln
befreien!“
„Das bedeutet, ich darf hier arbeiten?“
folgerte Virginie erfreut. Die Alte wunderte sich ein bißchen über diese
Euphorie, doch brubbelte sie ein kurzes Ja und entließ sie mit der Anweisung,
sich weitere Anweisungen von Thérèse, dem Mädchen, das sie hergeführt hatte, zu
holen.
Besagte Thérèse stand draußen neben der Tür
und schien gelauscht zu haben, denn als Virginie aus dem Raum trat, fiel sie
ihr glücklich um den Hals und rief, wie schön es doch sei, daß sie hier arbeiten
dürfe, da sie sie vom ersten Augenblick an gemocht hatte. Dieser Anfall von
Freude währte indes nicht lange, denn schon hatte Thérèse ihre Geschäftigkeit
von vorher wieder erlangt und durchmaß den langen Flur mit weitausholenden
Schritten, um der hinter ihr her tippelnden Virginie ihren
Zuständigkeitsbereich zu zeigen.
„Hat sie dir einen Schreck eingejagt, die
alte Constant?“ lästerte sie. „Wir müssen sie Madame nennen, obwohl sie eine
Mademoiselle ist, denn geheiratet hat sie nie, das wüßten wir, aber sie will es
so haben, wahrscheinlich, damit sie nicht für eine alte Jungfer gehalten wird,
was sie aber ist, hier ist der Bedienstetenraum, da können wir uns ausruhen und
essen in den Pausen, ja, das ist sie wirklich, denn wer schon so aussieht, der ist
es auch, eine alte Jungfer, meine ich, hier ist die Küche, da drin ist Minette
die Herrin, aber sie ist lieb, solange man nicht versucht, selbst was zu kochen
außer Wasser, und außerdem ist sie schrecklich griesgrämig, ich meine die
Constant, die ganze Zeit über, vielleicht will sie uns damit ja einschüchtern,
aber wer fällt denn schon noch darauf rein, hier ist der erste Flur, den du
schrubben sollst, und dann ist sie auch noch so furchtbar eingebildet, ich
frag’ mich ja immer, worauf denn eigentlich, denn was hat sie denn schon
gemacht, ich meine, sie ist doch genauso eine wie wir, na ja, außer, daß sie
sich vielleicht hochgearbeitet hat, aber wer könnte das nicht von uns und
außerdem ist sie ja auch sehr viel älter.“
So plapperte Thérèse, während sie Virginie
nach rechts und links zeigend die wichtigsten Orte im Hause zeigte. Virginie
selbst hatte kaum Zeit sich umzublicken, so schnell hastete Thérèse weiter. Sie
wußte schon jetzt, sie würde sich hemmungslos verlaufen, wenn sie allein
gelassen würde.
„Kannst du die alte Constant nicht
überreden, daß du die ersten Tage mit mir zusammenarbeitest oder mich zumindest
zu den Orten führst, an denen ich putzen und Wäsche waschen soll?“ fragte sie
Thérèse zaghaft, sich ihrer Sprechweise bedienend.
„Hast wohl Angst dich zu verirren, was?“
lachte Thérèse. „Laß mal, Kleine, ich paß schon auf dich auf, und in
Nullkommanix haste den Dreh sowieso raus.“
Das klang seltsam beruhigend. Und da das
jetzt geklärt ist, ermahnte sich Virginie selbst, mußt du die Augen aufhalten!
Wo ist die Comtesse? Wo wohnt sie, wo ißt sie, wo schläft sie, wo kleidet sie
sich an? Und wer hilft ihr dabei?
„Was hast du hier eigentlich zu tun,
Thérèse?“ fragte sie.
Es konnte nicht schaden, so schnell wie
möglich an Informationen zu kommen. Armand würde sie schon morgen an der Ecke
erwarten. Ach, mon Dieu, da fiel ihr
ein, wie sollte sie sich aus dem Haus schleichen? Darüber mußte sie noch einmal
gründlich nachdenken.
„Ich? Ach, ich bin so etwas wie ein Mädchen
für alles, wo es Arbeit gibt, dort findet man mich, ich kann so was fast
riechen, weißte, oder die Arbeit findet mich, das kann natürlich auch sein,
dann wäre es genau andersherum, wo immer ich hingehe, da wartet Arbeit auf
mich, allerdings könnte das auch heißen, daß ich die einzige bin, die hier
arbeitet und keiner sonst was tut, weshalb alles an mir hängen bleibt, oder
auch, daß ich schlampig bin und nie etwas richtig zu Ende bringe...“
„Hilfst du auch den Hausherren persönlich?“
unterbrach Virginie den allmählich beunruhigend philosophisch verlaufenden
Redefluß des Mädchens. Sie waren an einer breiten Treppe angekommen, belegt mit
dem von der Constant genannten Teppich, den Virginie von Dreck befreien sollte,
und stiegen sie empor.
„Manchmal auch das, also der Comtesse, der
gehört das Haus hier nämlich, der Comtesse de la Talle-Munie, sie ist Witwe,
weißte, ihr Mann ist vor fünf Jahren gestorben, ich bin schon etwas länger
hier, hab ihn noch ein bißchen gekannt, und seitdem wollte sie nicht mehr
heiraten, und Kinder hat sie auch keine, nur ihre Freundin, die Marquise
Joséphine Claire Marie Valesconte, wenn ich jetzt keinen Namen vergessen hab,
aber Namen vergesse ich eigentlich nie, kann nur sein, daß sie mir nicht
bekannt sind, und das passiert ja öfter, ich meine, bei den vielen Menschen auf
der Welt, na ja, und davon kommen ’ne ganze Menge hier in das Haus, jeden
Mittwoch und jeden Sonnabend, wenn die Comtesse ihre Gesellschaften gibt, da
gibt’s eine ganze Menge zu sehen, da mußt du mal durch die Türlöcher schauen,
hier fangen übrigens die Gemächer der Comtesse an, aber die kann ich dir jetzt
nicht zeigen, weil ich glaube, sie ist zuhause, aber die sind schön, das kann
ich dir sagen!“
Virginie murmelte ein Aha und merkte sich
die vier Türen genau, die die Spannweite der ausholenden Geste ihrer neuen
Freundin einschloß. Das Schlafzimmer, das Ankleidezimmer, das Empfangszimmer
und ein kleiner Salon befanden sich dahinter, erfuhr sie von Thérèse.
Am Mittwoch und am Sonnabend also werden
Gesellschaften gegeben. Heute war Dienstag, Mittwoch also schon morgen.
Virginie würde ganz sicher durch die sogenannten Türlöcher lugen! Und wenn
Thérèse ihr dann die Comtesse unter ihren Gästen zeigte, könnte sie es
vielleicht schaffen, ungesehen in deren Räume zu gelangen.
Was sie dann dort machen würde, das müßte
sie sich noch überlegen, aber es war ein großer Erfolg, schon jetzt so viel
erfahren zu haben.
Freudig hüpfte Virginie Thérèse hinterher,
als die ihr den Rest ihrer zukünftigen Arbeitsstätte zeigte: den zweiten Flur,
den Waschraum mit den großen Holzzubern und mehreren schweren Bügeleisen, einem
Ofen zum Erhitzen der Eisen und des Waschwassers und schließlich unzähligen
langen Wäscheleinen. In dem selben Raum konnte man aber auch Putzmittel und
Lappen finden, die sie an den anderen Tagen brauchen würde, an denen sie keine
Wäsche zu waschen hatte. Thérèse klärte sie auch darüber auf, daß die Comtesse
manchmal unbedingt sofort dieses oder jenes Kleid gesäubert und gebügelt haben
möchte, selbst wenn sie es dann nicht anzieht, aber das sei ihre, Thérèses,
Aufgabe und sie, Virginie, müsse sich darüber keine Sorgen machen, sie wolle es
auch nur mal so gesagt haben.
Virginie fand das alles sehr aufregend und
wie ein Schwamm sog sie jede noch so kleine Information über dieses Haus und
seine Herrin auf, überdachte sie, klebte ein imaginäres Aktenzeichen darauf und
sortierte es in Gedächtnisschubladen.
Es war spät geworden, es hatte lange
gedauert und war sehr anstrengend gewesen, hinter Thérèse her zu trippeln und
alles zu sehen und sich alles zu merken, was sie zeigte und erzählte.
Schließlich sagte Thérèse: „Wir sind fertig“, und führte Virginie zurück in den
Bedienstetenraum, an dem sie am Anfang ihres Besichtigungsrundganges
vorübergegangen waren. Mehrere Personen saßen dort um einen rechteckigen Tisch aus
grobem Holz herum, rührten geschäftig in Suppenschüsseln, aßen teilweise
gierig, genossen teilweise bedächtig, blickten aber gemeinschaftlich auf, als
die Mädchen eintraten.
„Das ist Virginie“, stellte Thérèse vor,
„sie arbeitet ab heute hier.“
„Hallo, Virginie“, begrüßte ein Chor sie.
Schüchtern winkte Virginie in die Runde und
lächelte.
„Na komm, setz dich hierhin, hast Hunger,
was? Na hier, iß.“ Eine gemütliche dicke Frau sprach einsilbig, aber
freundlich, fast mütterlich zu ihr und stellte ihr einen Napf voll duftenden
Eintopfs vor die Nase.
„Vielen Dank“, freute sie sich und begann
zu essen. Lächelnde Gesichter schienen sich mit ihr zu freuen, darüber, daß sie
da war, ihnen Gesellschaft leistete, ihnen Arbeit abnahm, freundlich zu ihnen
war.
Der Eintopf war zwar einfach, schmeckte
aber großartig, als hätte Barbette ihn gekocht. Das wagte Virginie natürlich
nicht laut zu sagen, sie vermutete die Köchin Minette in der Nähe, vielleicht
war sie sogar die dicke Frau gewesen, die ihr den Napf gereicht hatte.
Gesättigt und müde ließ sie sich von Thérèse den kalten Gang entlang, eine
schmale steinerne Treppe hinauf in ihr Kämmerchen begleiten, das karg
eingerichtet mit einem Tischchen, einer Kerze darauf, einem Hocker, einer
Kommode, einem kleinen Guckloch als Fensterchen und einem Bett mit
Strohmatratze Virginie doch irgendwie willkommen zu heißen schien. Sie dankte
und verabschiedete sich von Thérèse, der es nach ihrem eigenen Bett gelüstete
und die versprach, sie am nächsten Morgen zu wecken und wieder mit herunter zu
nehmen.
Allein geblieben, zog Virginie sich aus,
streifte das leinene Nachthemd über und kuschelte sich in das piekende, aber
warme mit Heu gepolsterte Bett. Es war zwar weniger, als sie von den Blunières
gewohnt war, doch weit mehr, als sie je von der Plaisseau, der dauernden
Strohwitwe, die sie als Kleinkind aufgenommen hatte, erwarten durfte.
Was die Familie jetzt wohl tat? Nicht die
Plaisseaus, die interessierten sie nicht, schon lange nicht mehr. Nein, die
Blunières. Valentine, Julie und Armand natürlich. Dachten sie an sie? Sie
würden jetzt wahrscheinlich gerade dinieren.
Virginie mußte leise kichern bei diesem
Wort. Hatte es nie gehört und seitdem doch so oft getan. Sie dachte an diesen
ersten Abend, das Gewitter, Armand, ihr Fuß, Valentine, das blaue Seidenkleid
und schließlich Julie. Wann würde sie sie wiedersehen? Valentine und Julie,
Armand würde sie ja morgen schon treffen.
Ach ja, sie mußte sich überlegen, wie sie
sich unbemerkt hinausschleichen konnte. Würde Thérèse sie nicht den ganzen Tag
begleiten? Sie hatte sie ja selbst darum gebeten!
Um neun Uhr würde er an der Ecke stehen,
hatte er gesagt, und er würde pünktlich sein, dessen war sich Virginie ganz
sicher. Und was hatte sie ihm nicht alles zu erzählen! Sie hatte schon beinahe
das ganze Haus gesehen, wußte wo die Gemächer der Comtesse lagen.
Und morgen würde die Gesellschaft gegeben
werden. Hoffentlich konnte sie nach oben schleichen! Und wenn sie hinter der
Tür war, was würde sie finden? Giftfläschchen? Wahrscheinlich nicht, niemand –
und schon gar keine Mörderin – würde Gift einfach so für alle sichtbar
herumstehen lassen. Bestimmt hatte sie es versteckt.
Vielleicht gab es kleine Geheimfächer oder
Türen in der Wand, die man erst sah, wenn sie sich öffneten und die man nur öffnen
konnte, indem man einen bestimmten Hebel zog.
Virginie, die Phantasie geht mit dir durch,
tadelte sie sich selbst. Sicher stand das Gift in einem Schränkchen, dessen Tür
man nur mit einem Schlüssel öffnen konnte, den die Comtesse immer mit sich herum
trug. Wenn es überhaupt Gift gab in diesem Hause! Wo bekam man Gift eigentlich
her?
Solcherlei Gedanken wälzte Virginie,
während sie allmählich einschlummerte.
Kapitel XI
Leises Klopfen weckte sie. Es war dunkel im
Raum, verschlafen tastete sie sich vorsichtig zur Tür und öffnete sie.
Blendendes Licht, so schien es ihr, strahlte ihr entgegen.
„Guten Morgen, Virginie, gut geschlafen?
Ich hab ja nicht so gut geschlafen, muß daran liegen, daß ich gestern nicht so
viel gearbeitet habe wie sonst, wie sollte ich auch, ich habe dich ja
herumgeführt, oh, das sollte jetzt kein Vorwurf sein, ich bin ganz froh, daß
ich nicht so viel arbeiten mußte, aber geschlafen habe ich gar nicht gut, war
nicht so erschöpft wie sonst, was ja auch mal ganz schön ist.“
Thérèse mußte schon seit Stunden wach sein,
um so munter drauf los plappern zu können, mutmaßte Virginie, zwang sich zu
einem müden Lächeln, bat Thérèse mit der kleinen Kerze in der Hand herein, und
fragte, wie spät es sei, während sie Kleid und Schuhe suchte.
„Um fünf ist es schon, na ja, oder kurz
danach, wahrscheinlich schon halb sechs, ich werde um fünf geweckt, weißte,
wenn die kleine Kirche da gegenüber anfängt, die Glocken zu jeder Stunde zu
schlagen, ja, es ist noch dunkel, ich weiß, der August ist ja morgen zu Ende
und wenn der September anfängt, dann merkt man auch wieder erst, daß die Tage
kürzer werden und daher werden ja auch die Nächte länger und deswegen ist es
jetzt noch dunkel.“
Virginie hatte sich angezogen, beendete die
Morgentoilette mit einem kurzen Streichen der Bürste über die verfilzten
Locken, deren Knoten sie nie ganz beseitigen konnte, und einem Wachreiben der
Augen, die sich so gern wieder schließen wollten. Um fünf Uhr morgens
aufstehen! Das konnte sie früher nur im Winter, notgedrungen, weil die Kälte
sie erzittern ließ und sie laufen mußte, um warm zu werden. Thérèse hatte in
der Tür gewartet, die kleine Kerze flackerte, spendete aber genügend Licht für
die Mädchen, als sie die schmale Treppe hinunter und den Gang entlang liefen, hinein
in den Gemeinschaftsraum, in dem andere schon saßen und Frühstück aßen.
Die vermeintliche Minette stellte einen
großen Becher verdünnte Milch und einen Napf voll Haferschleim vor Virginie,
die, noch immer müde, langsam den hölzernen Löffel nahm und zu essen begann.
Sie wußte, sie mußte sich zum Essen zwingen, sie hatte hart zu arbeiten und
niemand hatte ihr gesagt, wann sie zu Mittag aßen oder ob es zu der Zeit
überhaupt etwas gab. Plötzlich fiel ihr Armand wieder ein. Um neun, Virginie,
um neun!
„Thérèse, was ist heute meine Aufgabe?“
unterbrach sie den Redefluß ihrer Freundin, die gerade einem Hausdiener oder
Lakaien oder Kutscher die neueste Eroberung eines nicht sehr tugendhaften
Nähmädchens erzählte.
„Heute mußt du die Treppe putzen, also die
Fussel und Krümel aufsammeln, am besten geht das mit einem Rechen, der ja
eigentlich für das Laub im Garten ist, aber den benutzen wir immer nur für die
Treppe, also ist er auch sauber, und dazu gehört auch das Geländer, das mußt du
feucht abwischen und danach trocken rubbeln, dann ist das auch erledigt, und
dann machst du dich an den Boden im ersten Flur heran, der muß sauber sein,
weil doch heute die Gesellschaft gegeben wird und die Gäste da alle rüber
laufen, dann ist er natürlich wieder schmutzig, aber das muß nicht deine Sorge
sein, weil du ja morgen mit der Wäsche dran bist, das zeig ich dir dann morgen
alles.“
„Und gibt es nicht eine Aufgabe, die mich
nach draußen führt? Ich kenne die Umgebung hier ja gar nicht und möchte mich
ein bißchen umsehen“, versuchte Virginie, sich ein Alibi zu verschaffen.
„Also eigentlich ja nicht, weil du ja hier
im Haus putzen mußt, aber manchmal, da kannst du auch einfach eine Pause
machen, also da hat keiner was dagegen, weil man muß ja Pausen machen, und wann
du die machst, das ist den andern egal, die Hauptsache ist, daß du deine Arbeit
schaffst und gut machst, und wenn dich aber einer bei zu vielen Pausen
erwischt, dann gibt das eine Rüge, aber das sagt dann auch keiner der Constant,
also keiner von uns, wenn sie dich selbst erwischt, wie du stundenlang Pausen
machst, dann ist das schlimm, dann zieht sie dir was vom Lohn ab und außerdem
lungert sie dann ständig hier herum, um alle zu beobachten, also mach das
lieber nicht, das wäre auch uns gegenüber gemein, aber ich glaube ja nicht, daß
du so eine bist.“
„Danke!“ lächelte Virginie vergnügt.
Sie konnte also gehen, wann und wohin immer
sie wollte, solange sie ihre Arbeit machte. Und die würde sie bestimmt machen,
arbeiten konnte sie! Erfreut schlang sie ihren Haferbrei herunter, trank die
Milch so hastig, daß sie sich bekleckerte, gab den Napf und den Becher der
vermeintlichen Minette und hüpfte zur Tür hinaus.
„He,
warte“, rief Thérèse. “Ich muß dir doch
den Weg zeigen, weil ich denke, du weißt nicht wohin du läufst, warte doch!”
Doch Virginie war schon außer Rufweite. Sie
lief durch die Verbindungstür des Gesindetrakts zur Eingangshalle, in die die
Gäste der Comtesse eingelassen und gebeten wurden, ihre Hüte abzulegen, und
weiter die breite Treppe hinauf zum Flur des ersten Stockwerks. Dort war die
mit der gleichen geblümten Tapete der Wände bezogene und damit fast unsichtbare
Tür zum Waschraum.
Überraschenderweise fand Virginie sie auf
Anhieb wieder.
Sie griff sich Lappen, Wassereimer und
Seife, lief zurück in den Flur und begann, den Boden zu scheuern. Dies war die
erste Aufgabe, die sie an diesem Tage bewältigen sollte beziehungsweise eine
der Aufgaben. Es blieb Virginie überlassen, womit sie anfing, und sie hatte den
Flur gewählt, denn von hier aus hatte sie einen uneingeschränkten Blick zur
großen Wanduhr, die majestätisch über der Eingangstür thronte.
Virginie konnte die Uhr zwar nicht lesen,
zumindest hatte es sie niemand gelehrt, doch war ihr aufgefallen, daß die Uhr
immer dann die volle Stunde schlug, wenn der große Zeiger sich gerade auf die
Zwölf bewegt hatte und der kleine zur Zahl der Stunde zeigte.
Und Zahlen zu erkennen, hatte sie gelernt,
die Plaisseau hatte es ihr in einer der wenigen Minuten des Gefühls familiärer
Zusammengehörigkeit auf einem Einkaufszettel anhand der Preise der zu kaufenden
Waren beigebracht. Sie mußte also loslaufen, wenn der große Zeiger nur noch
wenige Schritte vor der Zwölf stand, um Armand pünktlich an der Ecke zu
treffen, an der er sie am vorherigen Tag mit der Kutsche abgesetzt hatte.
Bis dahin schien es aber noch etwas Zeit zu
sein, denn nach mehrmaligen Blicken zur Uhr erkannte Virginie, daß es ziemlich
lange dauerte, bis der kleine Zeiger sich auch nur ein bißchen von der Sechs
entfernte. Verbissen scheuerte sie weiter die hölzernen Dielen des Bodens. viel
Dreck kam dabei nicht zusammen, nächste Woche mußte sie ihn ja auch an drei
Tagen hintereinander putzen. Da konnte sie auch ruhig weniger Kraft anwenden,
einfach nur mal mit dem Lappen darüber gehen. Hauptsache war, die Dielen würden
sauber und niemand verdächtigte sie der Untätigkeit oder gar Faulheit.
Mit dem Boden des ersten Flurs war sie nun
fertig, blieb die Treppe zu entfusseln, dann konnte sie weiterhin die Uhr im
Auge behalten, wenn sie sich von oben nach unten vorarbeitete und sich ab und
zu umdrehte. Der kleine Zeiger hatte sich schon merklich auf die Acht zu
bewegt.
Virginie beschloß, mit dem kaum verdreckten
Wasser des Bodens auch gleich das Geländer zu wischen, holte sich nur noch ein
Frottierhandtuch aus dem Waschraum, um die feuchten Stellen gleich danach
trocken zu rubbeln und zu polieren. Als diese Arbeit nun auch getan war,
schaute sie sehnsüchtig zur Uhr. Der kleine Zeiger stand tatsächlich schon kurz
vor der Neun, der große Zeiger hingegen zeigte genau darauf. Was mochte das nun
bedeuten?
Aber da der Große sich ja immer nur in die
gleiche Richtung bewegte, schlußfolgerte Virginie, daß er früher oder später
sicher auf die Zwölf treffen und die Uhr zum Schlagen bringen würde. Es konnte
nicht schaden, etwas früher an der Ecke zu stehen. Wer weiß, vielleicht würde
Armand längst da sein?
Etwas hastig brachte sie die Putzutensilien
in den Waschraum und eilte zurück in die Eingangshalle, prallte fast mit dem
Hausdiener zusammen, der an der Tür stand und auf Besucher wartete, die Einlaß
zu gewähren seine Aufgabe war. Grimmig in die Höhe gezogene Augenbrauen
erinnerten Virginie, daß sie als Putzmädchen die Tür der Dienstboten zu
benutzen habe. Mit einem entschuldigenden Lächeln machte sie auf dem Absatz
kehrt, verschwand durch die Verbindungstür und vom Gesindetrakt aus durch den
Eingang der Dienstboten nach draußen auf die Straße.
Es war ein heißer sonniger Tag. Virginie
wartete auf eine kühlende Brise und sah hinaus auf die Seine. Grau und träge
wand sich der breite Fluß wie eine große Schlange durch die Stadt. Wie ein
alter Großvater, der schon zuviel von Frankreich gesehen hat, als daß ihn
Vorkommnisse in Paris noch erschrecken konnten, dachte Virginie und schlug den
Weg zur verabredeten Ecke ein. Tatsächlich stand Armand schon da und winkte ihr
zu, als er sie kommen sah.
„Guten Tag, Virginie! Schön, Sie wieder zu
sehen.“ Armand packte sie an den Schultern und für einen Augenblick glaubte
sie, er würde sie an sich ziehen und umarmen. Doch er sah ihr nur glücklich in
die Augen und lächelte freudig erregt.
Darüber war Virginie fast froh; sie hätte
nicht gewußt, wie sie sich hätte verhalten sollen, hätte er es wirklich getan.
Sie war sich kaum sicher, ob es ihr gefallen hätte. Sie mußte darüber noch
einmal gründlich nachdenken, versprach sie sich selbst, später, wenn sie allein
in ihrer Kammer war.
„Bonjour, ... äh“, begann Virginie. Wie sollte sie ihn nennen? Monsieur Blunière,
Armand? Oder einfach nur Monsieur? Eine
Antwort auf diese Frage blieb ihr erspart, denn der junge Mann nahm ihre Hand
und zog sie mit sich, auf eine nahegelegene Haustür zu.
„Kommen Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen.
Ich habe etwas arrangiert, das Ihnen unsere zukünftigen Treffen ein wenig
erleichtern wird, wie ich hoffe. Es ist immerhin ein Risiko, sich auf offener
Straße zu sehen. Wir könnten beobachtet werden.“
Armand öffnete die Haustür, ließ Virginie
vor sich eintreten und bedeutete ihr, ihm die schmale Treppe hinauf zu folgen.
In der zweiten Etage dieses Hauses stoppte er, holte einen Schlüssel aus der
Tasche seiner eleganten elfenbeinfarbenen Weste und schloß die Tür zu einem
kleinen Appartement auf. Virginie staunte über diese Wohnung. Spärlich
eingerichtet zwar, mit einem runden Tisch in der Mitte des Raums, vier Stühlen
darum, einem abgewetzten Sessel in der Ecke am Fenster und einem Gaslicht auf
dem Fensterbrett, war es doch ein geräumiges Zimmer. Sogar ein Bett stand an
der Wand rechts der Tür, mit einer schäbigen Matratze darauf.
„Ich dachte, es wäre vielleicht bequemer,
sich fortan hier zu treffen“, sagte Armand, nahm einen weiteren, dem ersten
gleichen Schlüssel heraus und reichte ihn Virginie. „Das ist Ihr Schlüssel.
Wenn ich etwas später kommen sollte, dann sollen Sie nicht vor der Tür auf mich
warten müssen. Und falls Sie mir etwas außerhalb der Treffzeiten mitteilen
möchten, dann legen Sie mir einfach eine Nachricht auf den Tisch. Zu diesem
Zweck möchte ich Ihnen noch etwas schenken.“ Und er holte aus der anderen
Tasche seiner Weste ein kleines, hübsch in grünes Leinen gebundenes Notizbuch
und einen Bleistift hervor. „Hier. Darein können Sie alle Informationen
schreiben, die Ihnen wichtig erscheinen. Oder Sie reißen ein Blatt Papier
heraus und hinterlegen es mir hier.“
Virginie wußte kaum, wie ihr geschah. Er
schenkte ihr etwas! Etwas, daß ihr beider Geheimnis beinhalten und fördern
sollte. Und es war ein wirklich wunderschönes Büchlein. Sie hielt es in Händen
und strich mit einem Finger über den weichen Einband. Wie sollte sie ihm nur
erklären, daß sie gar nicht schreiben konnte?
„Äh, danke. Danke schön!“ sagte sie einfach
und lächelte ihm ehrlich zu. Falls es einiges zu Schreiben gab, dann würde sie
sich eben etwas einfallen lassen. Schließlich war sie nicht auf den Kopf
gefallen!
Armand rückte ihr einen Stuhl zurecht und
setzte sich ihr gegenüber, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt.
„Und? Wie geht es Ihnen? Behandelt man Sie
höflich?“ Erwartungsvoll starrte er sie an.
„Nun, ja.“ Etwas unruhig rutschte sie auf
ihrem Stuhl herum. Jetzt galt es, ihre erste Bewährungsprobe! Hatte sie wirklich
schon echte Informationen zu erzählen? Wo sollte sie anfangen? Sie beschloß,
erst einmal seine Frage zu beantworten. Alles Weitere würde sich schon ergeben.
„Ja, man behandelt mich sehr höflich.“ Sie
mußte an die alte Constant denken. Doch eigentlich hatte sie sie auch höflich
behandelt, zumindest nicht sehr grob.
„Ja, ich bin froh, daß ich tatsächlich dort
arbeiten darf. Sonst wäre ja der ganze Plan schon gescheitert! Ich bin dafür
zuständig, Böden zu schrubben und Wäsche zu waschen. Ach, und die Treppe zu
entfusseln. Die Böden sind einfach sauber zu halten. Wie das mit der Wäsche
ist, weiß ich noch nicht, die kommt erst morgen dran.“
Wider ihrer Erwartung fiel ihr das Reden
sehr leicht. Vielleicht hatte sie sich ein bißchen bei Thérèse angesteckt?
„Und ich habe auch schon eine Freundin
gefunden. Sie hat mir gestern das ganze Haus gezeigt, und so weiß ich jetzt
schon, wo sich die Gemächer der Comtesse befinden. Ja, und morgen gibt sie eine
große Gesellschaft, das macht sie immer mittwochs und sonnabends. Ich hoffe,
ich kann mich morgen abend in ihr Zimmer schleichen und etwas herumstöbern.“
Den letzten Satz hatte sie beinahe
geflüstert, um die Spannung noch anzuheben, die sie in Armands größer werdenden
Augen wachsen sah. Zumindest hielt sie es für Spannung.
„Oh Virginie, ich bitte Sie, seien Sie um
Himmels willen vorsichtig! Sie scheinen sehr mutig zu sein, aber Sie müssen
aufpassen. Wenn diese Comtesse wirklich eine Mörderin ist, wie wir es vermuten,
dann ist sie eine sehr gefährliche Frau!“ Armands Ausdrucksweise wurde
dringlicher, bevor er bemerkte, daß Virginie in kindlicher Art fragend die
Augenbrauen hob.
„Oh, aber wie viele Informationen Sie jetzt
schon haben“, beeilte er sich zu sagen. „Wieviel Sie in so kurzer Zeit in
Erfahrung bringen konnten. Das ist einfach großartig. Ich freue mich, eine so
tüchtige Mitarbeiterin bekommen zu haben!“
Virginie sonnte sich Armands Ehrungen.
Soviel Lob hatte ihr noch nie jemand zukommen lassen. Fast erschrocken zuckte
sie ein bißchen, als er ihre auf dem Tisch ausgestreckte Hand in seine nahm und
forschend ihren Blick suchte.
„Virginie, ich... äh, wir alle machen uns
große Sorgen um Sie. Wir denken Tag und Nacht darüber nach, was Ihnen alles
zustoßen könnte und wir reden über nichts anderes mehr. Ich bitte Sie, denken
Sie noch einmal ganz genau darüber nach: Möchten Sie wirklich weiter machen?“
In seinen Augen las sie tatsächlich eine
gewisse Furchtsamkeit. Sie konnte sich nicht erklären, warum. Ja, sicher, diese
Dame, ihre neue Arbeitgeberin könnte gefährlich sein. Aber sie würde sich doch
nicht an ihr vergreifen! Um sich selbst gegenüber ganz ehrlich zu sein, konnte
sie keinen Teil ihres Körpers finden, der auch nur im Entferntesten an eine
greifbare Gefahr glaubte.
„Ja, selbstverständlich möchte ich weiter
machen. Die bloße Sorge um eine Notlage reicht mir noch lange nicht als Grund,
aufzugeben. Wir haben doch auch gerade erst angefangen! Und selbst wenn ich
irgendwann einmal auf unverständliche Weise wirklich angegriffen werden sollte,
dann – und das können Sie mir getrost glauben! – dann weiß ich mich zu wehren!“
Trotzig erhob sie ihr Kinn. Armand sollte wissen, daß sie keinen Widerspruch
mehr duldete. Er schien es zu ahnen, denn er seufzte tief.
„Also gut“, gab er nach, „aber falls Sie
auch nur den Verdacht haben sollten, jemand könnte Ihnen etwas antun, weil Sie
zu viel wissen oder warum auch immer, dann kommen Sie bitte sofort hierher
gelaufen und schließen die Tür hinter sich ab. Vergessen Sie nicht, nur ich
habe einen zweiten Schlüssel! Virginie, bitte, versprechen Sie es mir.“ Armand
hielt noch immer ihre Hand in der seinen. Als er den letzten Satz sprach,
drückte er sie ganz sacht, flehend, bei jedem Wort.
„Ich verspreche es“, erklärte Virginie
feierlich und hoffte, diese Angelegenheit wäre damit für immer aus der Welt.
Was glaubte er denn? Daß sie ein kleines Püppchen wäre, das bei jeder minimalen
Anstrengung zerbrechen könnte? Was wußte er denn von den Straßen von Paris, auf
denen sie aufgewachsen war? Von den Kämpfen mit den viel größeren elenden, versoffenen
Männern, mit denen sie sich um ihre kleine Holzkiste streiten mußte, vor allem
im Winter, oder wenn es regnete? Sollte diese angebliche Gefahr doch kommen!
Sie würde ihm zeigen, wozu sie fähig war!
Immer noch ein bißchen beleidigt, griff sie
nach dem grünen Büchlein, den Bleistiften und dem kleinen Schlüssel. Sie wandte
sich schon zur Tür, als ihr noch etwas einfiel: „Wann sehen wir uns wieder?“
Armand lächelte freundlich, wenn auch noch
immer ein wenig sorgenvoll.
„Wie wäre es mit morgen um dieselbe Zeit?
Dann können Sie mir von der Gesellschaft erzählen.“
„Ich weiß nicht, ob ich es um neun schaffe.
Morgen ist mein erster Wäschetag. Ich muß erst sehen, wann ich Pause machen
kann.“ Mit diesen Worten war sie schon im Treppenhaus und zog die Tür zu. Er
sollte ruhig noch einmal hören, daß sie harte Arbeit zu leisten hatte, um ihm
helfen zu können. Natürlich half sie ihm gern – aber er sollte es ruhig noch
einmal hören!
Kapitel XII
Gegen halb zehn schon kehrte sie zurück.
Den Teppich der Treppe hatte sie bis ein Uhr geschafft, als Thérèse sie abholte
und mit in den Gemeinschaftsraum zum Mittagessen nahm. Es gab heiße
Rinderbouillon und frisches feuchtes Brot mit knuspriger Kruste. Die
vermeintliche Minette erwies sich als die wirkliche Minette, als Virginie
verschlagen fragte, ob die Köchin in der Nähe sei, sie wolle ihr ein Kompliment
machen.
Danach saßen alle noch ein bißchen herum,
ruhten sich aus, erzählten sich Geschichten oder schlummerten teilweise sogar
ein. Um zwei gingen alle wieder an ihre Arbeit und Virginie hatte den Boden des
zweiten Flurs schon anderthalb Stunden später sauber geschrubbt. Daß sie so
früh fertig werden sollte, hatte sie nicht gedacht. Was sollte sie denn jetzt
noch tun? Zweimal Flurboden wischen und die Treppe sauber halten, das wurde von
ihr verlangt. Dann hatte sie jetzt also schon Feierabend?
Sie überlegte, Thérèse zu suchen und sich
diesen Gedanken bestätigen zu lassen, als ihr Blick auf die Türen der Gemächer
der Comtesse wanderte. Ob sie wohl darin weilte? Bis jetzt hatte Virginie noch
keinen aus der gehobenen Klasse in diesem Haus gesehen. Und sie hatte doch die
ganze Zeit an genau den Stellen gearbeitet, an denen jeder Hausbewohner und
jeder Gast hätten vorbeikommen müssen. Sicher stand die Comtesse in ihrem vornehmen
Ankleidezimmer und überlegte, was sie wohl am Abend anziehen sollte, welches
seidige Kleid, welche spitzenbesetzte Handschuhe zur Gesellschaft passen
würden.
Einem kurzen Impuls ihrer Tapferkeit
nachgebend, schlich sie sich an die Tür, die von der Kleiderkammer auf den Flur
hinaus führte. Sie zögerte kurz, legte dann ihr Ohr an das warme lackierte
Holz. Sekundenlang hörte sie nichts, keine Stimmen, niemand lief umher. Sie
merkte erst, daß sie den Atem anhielt, als sie plötzlich nach Luft schnappte.
Ein lautes knackendes Geräusch ließ sie
zusammenzucken. So leise sie konnte und doch so schnell ihre Beine sie trugen,
rannte sie zum Waschraum und versteckte sich dort, die Tür einen Spalt geöffnet
lassend, um keinen Laut zu verursachen, vielleicht auch, um selbst lauschen zu
können.
Nichts rührte sich. Niemand öffnete die Tür
zum Ankleidezimmer der Comtesse, niemand war zu sehen.
Erleichtert ließ Virginie sich an der Wand
entlang zu Boden gleiten. Das war noch einmal gut gegangen! Was eigentlich? War
doch gar nichts passiert. Und sie lachte laut über ihre eigene dumme
Schreckhaftigkeit. Falls sie heute abend wirklich hier hoch schleichen und es
bis in die Gemächer der Hausherrin schaffen sollte, dann durfte ihr das aber
auf keinen Fall noch einmal passieren!
So, jetzt wollte sie aber wirklich Thérèse
suchen. Sie fand sie im Gemeinschaftsraum, plappernd mit einem anderen Mädchen.
Virginie setzte sich, durch ein Lächeln aufgefordert, neben sie, stützte das
Kinn auf die Ellenbogen und hörte mit halbem Ohr zu. Es drehte sich noch immer
um das nicht so tugendhafte Nähmädchen aus der Nachbarschaft, von dem Thérèse
heute morgen schon einem männlichen Bediensteten erzählt hatte.
„Rosalie, du glaubst es nicht, dieses Mädel
nimmt also den Handschuh von Madame la Comtesse, den sie ja längst hätte fertig
haben sollen, und sticht mit der Nadel drauf ein, und erzählt mir scheinbar
ganz nebenbei von Madames Parfumeur, daß sie da war und so, weißte, und daß sie
jetzt auch weiß, wo der ist, als ob ich das nicht wüßte, war ja oft genug da,
um Madames Bestellung zu holen und ihr ein paar Pröbchen mitzunehmen, und da
sagt doch dieses Mädel, weißte, dieses Nähmädel, sagt die mir, sie würde soviel
Geld verdienen mit ihren läppischen Nähten, daß sie nicht mal eine Woche sparen
müßte, um sich selbst eine Bestellung zu machen, also selbst anfertigen zu
lassen, weißte, der Parfumeur muß das doch alles erst mischen und so, das
kostet doch ein Heidengeld, und ja ja, die selbst verdient so viel, alles
Quatsch, das hatse von ihrem Bäckerlehrling, der mit den roten Haaren, weißte,
und weißte auch, wo der das her hat, der klaut das Geld, der klaut die ganze
Zeit bei seinem Lehrmeister, und der alte Meister, kennste doch, den alten
Rouchedeau, der ist so blind, der merkt das nicht, aber ich sag dir, wenn die
so was noch mal sagt, dann nehm ich was von Madames Parfum, schmier mich damit
ein, weißte, und statte ihrem Lehrling, den mit den roten Haaren, mal einen
Besuch ab, oder noch besser, dem Meister, und dann erzähl ich dem mal was...“
Virginie hörte schon längst nicht mehr zu.
Ihr Gesicht war tiefer in den Händen versunken. Sie langweilte sich. Gab es
denn in diesem Haus nichts weiter zu tun? Vielleicht sollte sie mit ihrer
Arbeit noch einmal von vorn anfangen.
Thérèses Ellenbogen in ihre Seite riß sie
aus ihren Überlegungen.
„Na, Kleine, was machste hier, bist etwa
schon fertig, das kann ja nicht sein, aber laß mal, das war ich am Anfang auch
oft, bis die Leute mir gesagt haben, was ich dir jetzt sage: Arbeite langsamer!
Und zwar so langsam, daß du zum Schluß schneller werden mußt, damit du’s bis
zum Abendessen schaffst, das machen hier alle so, bloß nicht anstrengen, und
das mußt du jetzt auch machen, denn wenn du schneller arbeitest als wir
anderen, dann kommt uns die alte Constant auf die Schliche.“
„Hm“, machte Virginie, „wenn ich das früher
gewußt hätte! Aber jetzt bin ich fertig – und mir ist unendlich langweilig.
Gibt es nicht doch noch irgend etwas zu tun?“
„Na ja, ich hab nur noch mein bißchen
Arbeit, das schaffe ich allein, Minette solltest du lieber nicht stören, sie
hat’s nicht so gern, wenn Leute in der Küche sind, die sie nicht kennt und
denen sie erst alles zeigen muß, aber Rosalie hier kannste helfen, die muß
gleich den Tisch decken für die Gesellschaft, weißte, und alles fein herrichten
und so“, meinte Thérèse mit einem Seitenblick auf das Mädchen neben ihr, das
ihrem Gesichtsausdruck nach die schockierende Geschichte über das Nähmädchen
und den Bäckerlehrling nicht ganz so erregend fand, wie es Thérèse wohl gern
gehabt hätte. Rosalie lächelte sofort und beeilte sich zu sagen, wenn Virginie
sich wirklich so sehr langweilen würde, hätte sie gegen ein bißchen Hilfe und
Gesellschaft bei der Arbeit überhaupt nichts einzuwenden.
Virginie nahm gern an, so würde sie
Gelegenheit bekommen, noch mehr vom Haus zu sehen. So lief sie also Rosalie
hinterher, die sie durch die Verbindungstür in den Empfangssaal und von dort
gleich rechts der Treppe durch eine breite Tür in den Speisesaal führte. Eine
riesige Tafel in der Mitte, länger und breiter noch als die in der
Blunière’schen Bibliothek, nahm beinahe den ganzen Raum ein. Lederbezogene
Lehnstühle, unzählige, wie Virginie es schien, säumten den Rand des Tisches,
auf dem sich eine lange weiße Tischdecke und mehrere quadratische
Spitzendeckchen ausbreiteten.
Rosalie verschwand am hinteren Ende des
Speisesaales in einer kleinen Kammer, die saubere Teller, Besteck und wertvolle
Kristallgläser unterschiedlichster Art beherbergte und außerdem einen direkten
Durchgang zur Küche hatte, wo Minette schon eifrig wirtschaftete. Das Mädchen
legte Virginie einen großen Stapel schwerer goldberandeter Teller in die
ausgestreckten Arme, griff sich selbst einen Korb voll silbernen Bestecks und
wies Virginie an, jedem Stuhl einen Teller vorzusetzen. Diese Aufgabe vollbracht,
wurde Virginie wiederum in die Kammer geschickt, um einen Stapel weiterer
Teller, tiefere diesmal, herauszuholen und auf den schon bereit gelegten
Tellern zu verteilen. Auf diese tieferen nun kamen feine Porzellanschälchen.
Virginie brauchte nicht zu fragen, wozu all dieses Geschirr nutze sein sollte;
sie hatte es bei den Blunières gelernt. Die Schalen waren für den Salat, die
tiefen Teller für die Suppe und die flachen für den Fisch. Danach würde ein
Gang oder mehrere mit Schwein, Rind, Wild oder Geflügel folgen, dafür jedoch
hatten Hausdiener vorher den gesamten Tisch abzuräumen und erneut zu decken.
„Wann werden denn die Gäste kommen?“ fragte
Virginie ungeduldig. Sie konnte es kaum noch erwarten, durch die von Thérèse
erwähnten Türlöcher zu lugen, die Comtesse zu entdecken und dann ihren großen
geheimen Auftrag in deren Gemächern durchzuführen.
„Na ja“, überlegte Rosalie, „es ist jetzt
um sechs oder so, sie essen um neun oder so, wahrscheinlich sind jetzt schon
welche da. Wenn, dann sind sie im Salon hier nebenan, oder aber im Salon der
Comtesse, wenn es enge Freunde sind.“
„Du weißt aber gut Bescheid“, meinte
Virginie anerkennend. „Dienst du der Comtesse persönlich?“ Vielleicht würde von
ihr ja mehr zu erfahren sein, als von Thérèse, die zwar überall, aber irgendwie
auch nirgends zu arbeiten hatte. Rosalie schien geschmeichelt.
„Also eigentlich ja nicht. Ich putze nur in
den Salons und da bin ich schon ab und zu mal einem feinen Herrn oder einer
schicken Dame über den Weg gelaufen. Und die Comtesse selber kennt mich auch.
Die ist da nicht böse, wenn ich aus Versehen in den Salon komme und putzen
will, wenn noch jemand da ist. Sie sagt dann ‚husch, husch, komm später wieder’
und lächelt mir zu. Meistens ist ja auch nur die eine da.“
„Die eine? Wer?“ fragte Virginie, plötzlich
aufgeregt. Vielleicht war das ein wichtiger Hinweis. Ach komm schon, Rosalie!
Sag einen Namen!
„Äh, na ja...“
Virginie ertappte sich, wie sie mit dem
rechten Fuß unruhig auf und ab wippte.
„Kennst du ihren Namen? Oder wie sieht sie
aus?“ Sie mußte sich zusammennehmen, um ihre Nervosität nicht preis zu geben.
„Na, ich glaube“, begann Rosalie langsam.
Sie blickte zur Decke, als könnte sie dort etwas ablesen. „Ich glaube, Thérèse
hat ihn mal genannt. Wir sollten sie fragen. Sie weiß doch immer alle Namen.
Ganz bestimmt ist sie auch auf der Gesellschaft heute. Eigentlich ist sie immer
hier. Warum interessiert dich das so?“
„Ach, nur so.“
Virginie mußte vorsichtiger sein. Paß bloß
auf, mahnte sie sich. Aber was Rosalie ihr da erzählt hatte, über diese Frau,
die eigentlich immer da war, das konnte doch nur die Freundin der Comtesse
sein, von der Thérèse auch ihr gegenüber schon gesprochen hatte. Gestern war
das gewesen, an ihrem ersten Arbeitstag, als sie ihr alles gezeigt hatte. Aber
wie hatte sie sie genannt? Sie hatte einen Namen genannt, Virginie war sich
vollkommen sicher, aber wie lautete er?
Wenn sie nur darauf käme, nur den Anfang
vielleicht? Nein, hoffnungslos. Da war nichts. Sie mußte Thérèse noch einmal
fragen.
Fortsetzung
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