Kapitel V

 

 

 

Abendessen, jetzt schon? Es ist doch erst früh am Nachmittag. Oder hatte denn das Wirtschaften vorhin so viel Zeit in Anspruch genommen? Virginie nahm einen Schluck ihrer etwas abgekühlten Schokolade. Ein merkwürdiger Geschmack, aber irgendwie gut, dachte sie und schloß die Augen, um sich an Dinge erinnern zu können, die vielleicht ein bißchen ähnlich schmeckten. Doch kurz darauf knarrte die Tür und ein leises Schlurfen verriet, daß jemand ins Zimmer gekommen war. Virginie öffnete die Augen und blickte in das fast erschrockene Gesicht Julies.

„Oh, es tut mir leid. Ich wollte Sie... dich... Sie nicht wecken.“ Entschuldigend senkte sie den Blick.

„Nicht doch, ich habe gar nicht geschlafen. Ich versuchte nur, herauszufinden, ob ich schon mal so etwas wie Schokolade gekostet habe.“ Virginie lächelte ihr freudig zu. „Und von mir aus können wir gerne du sagen.“ Jetzt wurde Julie vom Lächeln angesteckt. Ihr Gesicht erhellte sich und Virginie meinte, daß sie schlagartig auch viel gesünder wirkte.

„Ich glaube nicht, daß es etwas Ähnliches wie Schokolade gibt. Das ist eine Pflanze, weißt du? Die kommt von weit her.“ Julie ging zu dem kleinen runden Tisch neben dem Sessel, auf dem Virginie saß, holte einen Korb mit Garn, Nadeln und einem Tuch darunter hervor und setzte sich sacht auf die Chaiselongue. Nach einigem Zurechtlegen der Materialien begann sie, eine halb fertige rote Rose mit kleinen Stichen zu vollenden. Virginie schaute ihr aufmerksam zu und staunte über ihre Fähigkeiten. Julie sah auf und wirkte belustigt.

„Na, möchtest du auch sticken?“

„Ach, das ist also sticken? Ich würde das auch gerne können.“

„Oh schön, dann bring ich es dir bei. Komm her zu mir“, rief Julie und rückte begeistert ein Stück zur Seite. Virginie ließ sich neben ihr nieder und betrachtete interessiert die Blütenblätter auf dem Stoff.

„Das wird ein kleines Kissen, weißt du. So etwas ist ganz leicht zu machen, auch wenn man erst anfängt. Sieh her, das ist dein Stoff.“ Julie zog ein Stück weißes Leinen aus dem Korb und breitete es auf dem runden Tischchen aus, das sie herangezogen hatte. „Du nimmst dieses Kohlestück und zeichnest dir ein Motiv.“

„Ein... Motiv.“ Zaghaft nahm Virginie die Kohle entgegen und starrte auf dem Stoff vor ihr.

„Ja, ein Bild. Die Umrisse von dem... Na ja, was du dann sticken möchtest. Siehst du hier? Die Rose habe ich auch erst vorgezeichnet, man sieht die Kohle noch, hier.“

„Und was soll ich sticken?“

„Nun, das mußt du entscheiden. Blumen, Tiere, wenn du besser wirst, vielleicht sogar ein Gesicht, den König, unseren vierzehnten Louis, oder so. Du kannst auch einen Satz sticken wie ... tja, oder ein Gedicht, zum Beispiel: In allen vier Ecken muß Liebe drin stecken!“ Julie kicherte leise ob ihres Scherzes.

„Nein. Nein, ich kann nicht schreiben. Und ich kann auch keine Tiere zeichnen oder Blumen.“ Verzweifelt zog Virginie die Brauen hoch und schüttelte den Kopf. Julie wirkte verlegen.

„Oh. Wenn das so ist... vielleicht kann ich dir helfen. Ich könnte dir etwas vorzeichnen und dann sticken wir es gemeinsam.“

„Ja, das ist eine gute Idee.“ Erleichtert gab Virginie ihr die Kohle zurück.

„Also gut, laß mal sehen.“ Julie beugte sich über das Tischchen und den Stoff darauf, und nach kurzer Überlegung flogen ihre kleinen zarten Finger flink über das weiße Leinen. „Und schon ist es fertig. Siehst du?“ Sie richtete sich auf und lächelte ihrer Partnerin zu. Virginie nahm den Stoff und besah ihn sich genau. Ungläubig ließ sie ihn gleich darauf in den Schoß fallen und schaute Julie ins Gesicht.

„Das... Das ist ja eine Katze!“

„Ja. Äh, magst du keine Katzen? Ich kann dir auch etwas anderes zeichnen, wir können die Rückseite nehmen.“ Doch Virginie gab den Stoff nicht her.

„Nein, doch. Ich meine, ich mag Katzen! Sie fangen Ratten und Ratten können nachts sehr stören, wenn man schlafen will! Ich mag Katzen sehr. Im Winter hatte ich mal eine, die kam immer wieder zu mir zurück und wir haben uns in meiner Kiste gegenseitig gewärmt. Ich mag Katzen! Und diese hier... die wirkt so echt! Ich bin nur überrascht, weißt du. Ich hatte keine Ahnung, daß man mit Kohle eine Katze machen kann.“

Julie mußte schwer schlucken, als Virginie von den Ratten erzählte, doch dann kicherte sie wieder.

„Nicht machen. Zeichnen. Sie ist nicht echt, sie kann ja nicht vom Stoff springen und deine Schokolade trinken!“ Julie bog sich vor Lachen, während Virginie leicht irritiert zu sein schien.

„Nein, natürlich nicht. Aber sie ... na ja. Sie ist wirklich sehr schön! Danke!“

„Oh nein, das ist noch nicht alles. Das war doch nur der Anfang! Jetzt sticken wir sie, damit sie immer da sein wird. Hier, nimm eine Nadel. Und jetzt den Garn, such dir eine Farbe aus.“

„Der blaue ist sehr schön.“

„Blau? Eine blaue Katze?“ Julie sah sie skeptisch an, doch als sie Virginie die Stirn kraus ziehen sah, winkte sie schnell ab und rief: „Ja, blau ist gut! Natürlich, warum soll es keine blauen Katzen geben? Ich finde, jemand sollte blaue Katzen züchten. Also gut, hier, nimm das Ende vom Faden und schieb ihn in das Öhr. Das Loch da oben.“ Julie biß das andere Ende des Garns ab und zeigte auf die Nadel. Unbeholfen stach Virginie mit dem Faden auf die Nadel ein, bis das Ende ganz ausgefranst war. Doch als Julie meinte, sie solle es mit etwas Speichel befeuchten, klappte es schließlich und stolz hob sie die Nadel samt Garn in die Höhe.

„Gut gemacht“, freute sich Julie. „Und jetzt machen wir einen Knoten am anderen Ende und du stichst in den Stoff hinein. Am besten hier, wo die Nase ist. Oh nein, nein, lieber von unten, siehst du, du stichst von unten durch den Stoff, dann sieht man den Knoten nicht, ja, so daß du an dieser Stelle wieder herauskommst. Ja, genau.“ Julie schien aufzuleben in dieser Aufgabe. Immer erregter zeigte sie auf den Stoff. Ihre kleine Zunge leckte kurz über die purpurroten Porzellanlippen. Virginie wunderte sich fast, daß sie sich nicht verhaspelte. „Sehr gut! Und jetzt stichst du gleich daneben wieder ein, ja, richtig. Und dann kommst du wieder von unten nach oben, bis du die ganze Nase herum mit blauem Faden ausgefüllt hast.“ Virginie lernte schnell, aber Julie erklärte es ihr auch sehr verständlich, und so hatte sie einen Erfolg nach dem anderen zu verbuchen: Die Nase entstand, dann die Ohren, der Rücken, der Schwanz, die Pfoten und der Bauch, bis sie schließlich am Mäulchen wieder ankam. Die Konturen einer blauen Katze waren entstanden.

 

 

 

 

 

 

Kapitel VI

 

 

 

Als Valentine, angelockt von hohen Hurra-Rufen und lustigem Gekreisch, durch einen Spalt der Tür lugte, konnte sie sich vor Freude kaum halten. Zwei junge Mädchen saßen auf der Couch und stickten fröhlich Rosen und Katzen. Julie, schon immer sehr in sich gekehrt und ruhig gewesen, hatte sich nach dem plötzlichen Tod der Mutter und des Vaters, des Bruders Valentines, völlig in sich selbst zurückgezogen, ging lethargisch umher, schien nie zu wissen, wo sie eigentlich war und wurde oft ganz unerwartet von Weinkrämpfen geschüttelt. Doch jetzt wirkte sie unverhofft genesen und schien vollkommen gesund. Ihre Wangen hatten sich gerötet und die Stupsnase ragte keck in die Luft. Die zersausten Löckchen, die sich aus dem Knoten gelöst hatten, gaben ihrem Gesicht einen natürlicheren Ausdruck und die wachen Augen kündeten von Heiterkeit und Spaß. Valentine wurde es warm ums Herz, als sie erblickt wurde und beide Mädchen stolz ihre Arbeit präsentierten. Sie konnte nicht an sich halten, sie mußte die beiden in die Arme nehmen. Und nach einer langen Umarmung löste sich Virginie von ihr und hauchte einen Kuß auf ihre Wange.

„Oh. Hätte ich das nicht tun sollen?“ Virginie wurde unruhig, als sie Tränen in ihren Augen sah.

„Doch, mein Schatz“, erwiderte Valentine gerührt. „Das kannst du tun, sooft du willst. Ich freue mich sehr darüber.“ Und mit einem Lächeln zog sie Virginie und Julie erneut an sich und preßte die beiden an ihren üppigen Busen.

„Wißt ihr, was ich jetzt tun möchte? Ich möchte in die Bibliothek gehen und euch beiden eine Geschichte vorlesen. Meine Mutter las sie meiner Schwester und mir sehr oft vor und jetzt möchte ich ein bißchen Mutter sein, von zwei so wunderhübschen Töchtern.“

Tochter? Virginies Herz schien in ihrer Brust zu zerspringen. Erschrocken legte sie eine Hand darauf. Sie hatte nicht gewußt, daß Herzen hüpfen können. Aber es war ein angenehmes Gefühl und, es ihrem Herzen gleich zu machen, hopste sie hinter Valentine und Julie her, durch die Tür hinaus und die Treppe herauf. Die kurze Galerie entlang gehend, wunderte sich Virginie flüchtig, wie viele Zimmer es in diesem Haus wohl noch geben mochte. Valentine öffnete eine Tür, die der Wand so gut angepaßt war, daß Virginie sie wahrscheinlich allein nie gefunden hätte.

Die Bibliothek wurde von Rot, Grün und Brauntönen dominiert. Ein angenehmer Duft von Papier und leichtem Staub stieg Virginie in die Nase, so daß sie leise niesen mußte. Die Wände schienen vier Meter hoch zu sein und doch ragten schwere Eichenregale bis zur Decke. Eine Tafel aus Ebenholz in der Mitte, mit zehn hochlehnigen, ledergepolsterten Stühlen lud zum Studieren oder – wie war das? – Dinieren ein. Valentine griff zielsicher ein Buch auf Augenhöhe heraus und machte es sich auf einem mit rotem Samt bezogenen Sofa vor dem kalten Kamin bequem. Sie winkte die Mädchen herbei, sich neben sie zu setzen, und mit jeweils einer jungen Dame im Arm, schlug sie das Buch auf und begann zu lesen.

 

Als zwei jungen Mädchen, Clémentine und Désirée, die am Rande von Saint-Tropez mit ihrer Mutter in einem großen weißen Haus wohnten, eines Tages ein Hund zulief, beschlossen sie, mit ihm einen Spaziergang am nahen Strand zu machen. Erschrocken rannten sie ihm nach, als der Hund in den Dünen verschwand, doch gleich darauf kam er ihnen wieder entgegen, ein junger Mann hinter drein. Clémentine und Désirée verliebten sich beide schier unsterblich in diesen hübschen Jüngling, doch schließlich konnte nur eine ihn heiraten. Ihre Mutter erkannte das Problem sofort und so ließ sie jedes der Mädchen in sein Zimmer gehen und stellte ihnen abwechselnd die gleiche Frage: Was liebst du so an ihm?

Clémentine antwortete, daß seine blonden Haare es ihr angetan hätten, die blauen funkelnden Augen und das spöttische Lächeln um seinen Mund.

Désirée hingegen sprach: „Ich liebe seinen Humor, seine Kraft, die sich in Taten wie in Worten ausdrückt, seine Art mich anzusehen, der warme Ton in seiner Stimme, wenn er mir Gedichte vorliest und seine Meinung über Kinder, die eine sehr schöne ist und meiner gleicht.“

Die Mutter der Töchter erfaßte, daß Clémentine die Äußerlichkeiten, Désirée hingegen die inneren Charakterzüge schätzte und so entschied sie, daß Désirée ihn heiraten solle. Clémentine erkannte den Grund und gab ihr Recht. Und schließlich fand auch sie auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester einen jungen Mann, an dem ihr mehr gefiel als nur das schöne Gesicht.

 

Mit einem Lächeln um die Lippen schloß Valentine langsam das Buch.

„Ein schöne Geschichte“, schwärmte Julie mit verträumtem Schleier um die Augen.

„Ja, wirklich“, meinte Virginie. „Was ist aus dem Hund geworden?“

„Nun, das weiß ich leider nicht. Aber wahrscheinlich spielt er jetzt mit Désirées Kindern.“ Valentine erhob sich. „Nun kommt, meine Lieben, das Diner wird sicher gleich serviert. Es ist schon wieder dunkel geworden.“

Julie und Virginie hakten sich an Valentines Armen unter und gemeinsam gingen sie hinunter in den Speisesaal. Der gleiche festlich geschmückte Tisch wie auch am Abend zuvor erwartete sie bereits. Armand wartete schon auf seinem Platz auf sie und stand nun auf, um erst seiner Mutter, dann Julie den Stuhl zurecht zu rücken. Als er auch Virginie helfen wollte, hatte sie sich längst niedergelassen. Auf ihre Frage, ob sie sich denn noch einmal erheben solle, lächelte er und winkte ab.

„Aber morgen wissen Sie dann Bescheid.“

„Ja, ganz bestimmt“, lachte Virginie und richtete ihren Blick in weite Ferne. Morgen! Ja, morgen würde sie noch immer hier sein. Und auch am Tag danach. Sie hatte wahrhaftig ein Zuhause gefunden! Mit verklärten Augen strich sie über die kleine Tischgesellschaft. Ein Zuhause, ja, und eine Familie noch dazu.

In diesem Moment wurde Virginie in ihren Gedanken unterbrochen, denn Cathérine kam herein, schwerbeladen mit der Suppenterrine. Virginie ließ sich reichlich Brühe geben, doch kostete sie vorsichtig und aß langsamer denn je zuvor.

 

 

 

 

 

 

Kapitel VII

 

 

 

„Schätzchen, ich glaube, die Gefahr ist vorüber“, sagte Valentine.

„Ja, ich denke auch, Sie können jetzt wieder normal essen“, versicherte Armand.

Nach diesen Worten langte Virginie kräftig zu. Den Rest der heißen Brühe tunkte sie mit etwas Brot auf, wobei sie allerdings darauf achtete, es sorgfältig und lange zu kauen.

Der zweite Gang bestand aus einem kleinen Vogel, der goldbraun gebraten in einem Nest aus gekochten grünen Bohnen auf Virginies Teller lag.

„Kann man denn Spatzen essen?“

Während Valentine nur gluckste, schoß Julie prustend der Wein aus dem Mund. Sie lachte so laut, daß es ihr kaum möglich war, sich zu entschuldigen. Mit Mühe beherrschte sich Armand.

„Das ist eine Wachtel“, klärte er sie auf. „Ein sehr schmackhafter Wildvogel. Probieren Sie nur!“

Julie hatte sich kaum beruhigt, da lachte sie von Neuem als sie sah, wie Virginie den Vogel in beide Hände hob, ihn abschätzend untersuchte und schließlich die Zähne mitten in einen winzigen Schenkel schlug.

„Was ist?“ Virginie nuschelte ob des vollen Mundes. „Hab ich was falsch gemacht?“

„Nun“, versuchte Armand ein Kichern zu unterdrücken, „nicht direkt falsch, nein. Nur etwas anders. Sehen Sie, wir essen normalerweise mit Messer und Gabel.“

„Oh...“ Vorsichtig legte Virginie den kleinen Vogel zurück in sein Nest.

„Nein, Schätzchen, iß nur weiter. Und weißt du was? Wir machen es jetzt auf deine Weise“, meinte Valentine und mit spitzen Fingern nahm sie nun ihrerseits die Wachtel von ihrem Teller in die Hände. Kichernd taten Julie und Armand es ihr gleich und mit lautem Verkünden des Wohlgeschmacks ließen sie ihre Bissen im Munde zergehen.

„So schmeckt es ja viel besser!“ Julie konnte kaum an sich halten. Im Nu hatte sie das Fleisch von den Knochen genagt und verschlungen und leckte den Saft genüßlich von den Fingern.

„Laßt uns darauf trinken!“ Armand erhob sein Glas. „Auf Virginie, die für uns eine große Bereicherung ist, nicht nur in kulinarischer Hinsicht!“

Lachend ließen sie die verdutzte Cathérine den Tisch abräumen. Die folgenden Gänge brachte Virginie etwas mühsam hinter sich. Alles schmeckte ihr wirklich gut, Fisch und Wild waren ausgezeichnet gewesen, doch allmählich fragte sie sich, wann der Zeitpunkt wohl gekommen sein mag, an dem ihr Bauch platzen würde. Nie hatte sie so viel gegessen, noch dazu solch schmackhafte Gerichte, hübsch angeordnet auf dem Teller und mit Liebe dekoriert. Kaum noch konnte sie sich regen, als Armand der kleinen Familie vorschlug, den Cognac in der Bibliothek zu nehmen.

Dort war das Feuer inzwischen entfacht und lodernd verbreitete es angenehme Wärme im ganzen Raum. Virginie machte es sich auf der samtenen Couch bequem, auf der sie am Nachmittag Clémentine und Désirée kennengelernt hatte. Armand setzte sich neben sie in den großen dunkelgrünen Ohrensessel, der so fantastisch zum ahornbraunen Läufer davor paßte. Julie und Valentine hingegen nahmen sich jeweils ein Buch aus den Regalen und verabschiedeten sich bald, um sich ins Bett zu legen.

So blieben Virginie und Armand allein, in den Händen ein Cognacglas und in die Flammen im Kamin starrend.

Der Weinbrand hatte seinen Namen nicht umsonst, dachte Virginie, denn sein Geruch stach sie in die Nase und tatsächlich brannte er nach einem Schluck noch lange auf Lippen, Zunge und Gaumen. Erst im Magen angekommen, wärmte er angenehm von innen.

Nach einer Weile begann Virginie unruhig zu werden. Die Frage nach Jérémy piekte ihr in der Seele, doch wie sollte sie ihn darauf ansprechen, ohne ihn an das traurige Ereignis zu erinnern? Das war unmöglich, denn wer an Jérémy denkt, hat auch den grausamen Mord im Sinn.

„Ich sehe, Sie wollen etwas sagen. Nur heraus damit“, unterbrach Armand ihre Zweifel.

„Nun, ich... Nein, ich glaube nicht.“

„Oh, keine Zierde bitte. Wir verstehen uns doch sehr gut. Was könnten Sie schon Unangenehmes sa- ...“ Armand verstand. Er las die Antwort in ihren Augen. Er senkte den Blick und räusperte sich, doch die Entschuldigung Virginies wollte er nicht annehmen. „Nein, nein. Es ist schon gut. Sie haben jedes Recht, es zu erfahren, schließlich leben Sie jetzt auch hier und gehören schon zur Familie. Nur haben Sie bitte ein wenig Geduld mit mir. Es ist noch immer sehr schwierig für mich, darüber zu sprechen.“

„Wie lange ist es her?“

„Es geschah im Oktober vor etwa drei Jahren. Schon vorher bemerkten wir eine Veränderung an ihm. Etwas war mit ihm passiert. Verstehen Sie, er war schon immer ein sehr ruhiger Junge, und eines Tages, da war er gerade dreiundzwanzig geworden, kommt er durch die Haustür und schreit durch das ganze Haus. Ein atemloser, langgezogener Schrei lockte alle Menschen in die Eingangshalle. Jeder vermutete eine schlimme Botschaft, eine Verletzung oder sonst etwas in der Art. Doch nein, er stand da, wartete auf uns und als wir kamen und ihn ratlos ansahen, da lachte er. Aus vollem Halse! Er stand da und lachte.

Es kam uns vor, als sei er verrückt geworden und auf unsere Frage hin, was denn nun los sei, da sagte er nur: ‚Ich bin verliebt! Ich bin verliebt, Armand. Ich bin verliebt, Maman. Ist das nicht wundervoll?’ Und noch bevor wir etwas erwidern konnten, fiel er uns in die Arme und tanzte mit Maman durch den Salon. Eine Zeitlang war er sehr glücklich, das sah man ihm an. Doch nie sprach er darüber, niemals hat er den Namen seiner Auserwählten verraten. Und schon gar nicht hat er jemals das Wort Hochzeit ausgesprochen.“

Virginie lächelte, obwohl ein merkwürdiges Gefühl im Bauch sie zweifeln ließ, als ob dieses plötzliche Glück unnatürlich wäre. Doch schließlich war ihr gerade etwas ähnliches geschehen: Sie hatte ein Zuhause und eine Familie bekommen, aus heiterem Himmel!

„Nach einer Weile“, fuhr Armand fort, „trübte sich sein Blick etwas. Er lachte nicht mehr ganz so oft. Auf Fragen antwortete er, es sei nichts, es sei schon alles in Ordnung, doch wir vermuteten, daß er log. Wir dachten einfach, seine Liebe würde ein bißchen schwinden. Vielleicht hatte die Dame eine geliebte Eigenschaft verloren oder ihre Intelligenz war nicht gar so ausgeprägt, wie Jérémy es vorher geglaubt oder erwünscht hatte. Oder sie hatte seinen Antrag abgelehnt. Wir dachten, sie würden sich in nächster Zeit trennen und das Leben würde weitergehen, wie vorher.“ Er lachte bitter. „Doch Jérémy wurde immer verzagter und deprimierter. Er fragte nach Geld, was er vorher nie getan hatte. Die Summen, die er verlangte, wurden immer gewaltiger.

Oft saß er tagelang eingeschlossen in seinem Zimmer, nahm höchstens etwas Wasser von dem Tablett, das Cathérine ihm vor die Tür stellte. Wir haben nicht einmal bemerkt, wie er sich eines Nachts aus dem Haus geschlichen hatte. Am nächsten Morgen klopfte ein Gendarm an unsere Tür. Er hatte sich Jérémy über die Schulter gelegt und trug ihn in sein Zimmer. Er sagte, er habe ihn am Ufer der Seine gefunden, nahe am Pont-Neuf. Und da er mich als seinen Vorgesetzten kannte, hat er ihn als meinen Bruder ebenfalls erkannt.

Jérémy war nicht bewußtlos, nur sehr benommen. Am Mittag des gleichen Tages begannen die Schweißausbrüche. Sein Laken war triefnaß und irgendwann sah auch Cathérine ein, daß das Abtupfen seines Körpers nichts bringen würde.“ Armand zog gequält die Augenbrauen zusammen.

„Jérémy warf sich hin und her und kurz darauf mußte er würgen. Er erbrach sich in die Suppe, die Cathérine ihm vorhielt. Er erbrach sich auf die Decke, auf das Bett, auf den Teppich davor. Kein Mensch konnte soviel Flüssigkeit in sich haben! Und irgendwann schien es tatsächlich, als würde er Blut spucken. Dann kam der Durchfall dazu. Vollkommen unkontrolliert. Der Arzt sagte, sein Inneres wolle sich selbst nach außen kehren. Und genauso schien es uns.“ Er schlug die Hände vors Gesicht. „Es war furchtbar, all das Blut! Und manchmal, wenn wir nicht schnell genug waren, das Laken zu wechseln, lag er in seinem eigenen... nun ja. Können Sie das fassen, Virginie? Können Sie sich so etwas vorstellen?“

Herausfordernd blickte er sie an. Er sah Tränen ihre Wangen nässen. Sie hatte eine Hand an die Lippen gepreßt und mit schimmernden Augen sah sie ihm direkt ins Gesicht. Sofort wich Armand zurück.

„Es tut mir sehr leid“, murmelte er. „Bitte verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht anfahren. Es ist nur... es fällt mir so schwer, es zu begreifen. Es ging alles so schnell, doch eigentlich kam es uns vor, als würde mein großer Bruder sich tagelang quälen. Irgendwann beruhigte er sich. Er hatte sich entschieden, nicht weiter zu kämpfen. Ich stützte seinen Kopf mit einem Kissen und nahm seine Hand in meine. Schwach blickte er mich an und krächzend brachte er noch zwei Worte hervor, als er auch schon mit einem seligen Lächeln auf den Lippen entschlief, erfreut darüber, daß es nun endlich vorbei war.“ Armand sank in sich zusammen und suchte im Feuer Jérémys Gesicht. „’Gift’, sagte er, und ‚Talle-Munie’.“

„Talle-Munie?“ Virginie wagte kaum, die schwankende Stimme zu gebrauchen.

„Die Comtesse Sophie Rose de la Talle-Munie. Sie war seine Geliebte, vermute ich. Und seine Mörderin.“

„Haben Sie sie verhaftet?“

Ein böses Lachen entfuhr Armand. „Nein.“

Virginie fuhr zusammen. „Was denn, Sie wissen, wer ihn umgebracht hat? Und diese Frau läuft noch frei herum? Wieso, was soll das? Sie sind ein Gendarm! Gehen Sie los und sperren Sie sie ein!“

„So leicht ist das leider nicht.“ Armand lächelte gerührt und beugte sich vor. „Ich kann ihr nichts beweisen, verstehen Sie? Ich kann nicht beweisen, daß sie es war, obwohl ich es ganz genau weiß.“

Entsetzt ließ Virginie sich in die Lehne des Sofas fallen. Das war nicht richtig. Das war vollkommen falsch. Eine Frau, ein Monster macht einen Mann nicht nur unglücklich, nein, sie nimmt ihm auch sein Leben. Vielleicht haben sie Wein getrunken, in der Nacht, als Jérémy sich aus dem Zimmer und zur Tür hinaus schlich. Virginie war sicher, das er zu ihr gegangen war. In einem unbedachten Moment ließ die grausame Frau das Gift in sein Glas fallen. Vielleicht war es auch schon vorher drin, vielleicht hatte sie ihn erwartet, das Glas in der Hand. Und dann, auf dem Nachhauseweg, begann das Gift zu wirken. Das war nicht gerecht. Man mußte etwas tun. Diese Frau mußte bestraft werden!

„Was brauchen Sie denn?“ fragte Virginie zaghaft.

„Wie bitte?“ Armand schien aus einer Trance zu erwachen.

„Was brauchen Sie, um es zu beweisen?“

„Nun, na ja, Beweise eben. Vielleicht das Gift und ein eindeutiges Indiz dafür, daß es sich in ihrem Besitz befindet und damals auch befand. Oder ein Geständnis, das würde mich auch weiter bringen, falls sie es vor Zeugen aussprechen sollte.“ Ein Glitzern in Virginies Augen irritierte ihn. Eine Idee reifte in ihr heran. Armand hatte das unbestimmte Gefühl, daß sie ihm nicht gefallen würde. „Was denn, Sie... Wissen Sie, wie wir an solche Beweise kommen können?“

„Versprechen kann ich es natürlich nicht, aber...“ Virginie rieb die Handflächen aneinander und ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Vielleicht kann ich Ihnen helfen, wenn ich diese Comtesse beobachten würde, ständig in ihrer Nähe wäre.“

„Und wie soll das vonstatten gehen?“ Skeptisch zog Armand die Stirn kraus. Virginies Lächeln wurde noch breiter. Die Idee war ausgewachsen.

„Indem ich dort arbeite! Als Küchenmagd zum Beispiel, oder als Wäscherin.“

„Nein. Nein!“ Entschlossen winkte Armand ab. „Auf keinen Fall. Nichts ist so wichtig, als daß ich erlaube, daß Sie sich dafür in Gefahr begeben!“

„Gefahr! Nein, nicht doch! Gefährlich wird es nicht für mich. Niemand beachtet eine kleine Magd. Und schließlich muß ich mich im ganzen Haus bewegen, um zu putzen und Wäsche in Schränke zu legen. Nein, gefährlich wird es nur für die Comtesse.“ Allmählich, ganz langsam, fand er Gefallen an der Idee und schließlich lächelte auch Armand.

 

 

 

 

 

 

Kapitel VIII

 

 

 

„Nein!“ Valentine schrie und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Nein! Du wirst mir meine Virginie nicht wieder wegnehmen! Auf keinen Fall, in keiner Situation erlaube ich, daß mein kleines Mädchen sich in dieses Haus, in diese Höllengruft begibt!“

Der nächste Morgen versprach einen sonnigen Tag. Armand und Virginie hatten noch stundenlang in der Bibliothek geredet, sich schließlich einen Plan zusammengesetzt, der machbar, aber noch lückenhaft war. Erst spät entschieden sie, daß etwas Schlaf ihnen weiter helfen konnte.

Im Speisesaal beim Frühstück unterhielten sie sich, beide früh erwacht, nun angeregt weiter, als Valentine hereinkam, einige Wortfetzen auffing und in ihrer natürlichen Neugier fragte, worum sich das Gespräch drehe.

Virginie und Armand waren um Worte verlegen. Sie hatten es ihr und Julie erst später mitteilen wollen, ihnen den perfekten Plan ihrer Vorgehensweise präsentieren wollen, der kaum Widersprüche, Ängste und Zweifel zulassen sollte. Nun, dieser Teil ihrer Idee war offensichtlich gescheitert.

„Oh Maman, bitte, beruhige dich, höre uns doch erst einmal an!“ versuchte es Armand.

„Valentine, bitte, es liegt uns fern, Ihnen Kummer zu bereiten“, beschwichtigte Virginie.

„Kummer? Ha! Ihr bereitet mir sehr großen Kummer, wenn ihr mir nicht sofort sagt, daß das eben ein dummer Scherz war! Meine Virginie! In dieses Haus! Oh großer Gott, hilf.“ Schwach sank Valentine auf einen Stuhl, schloß die Augen und preßte eine Hand an die Stirn. 

„Was ist denn hier los?“ Das laute Gezeter hatte Julie herbei gelockt, die blaß und schwankend im Türrahmen stand. Schon die Ahnung von Aufregung war zuviel für sie.

„Ach Julie, mein armes Kind. Komm her zu mir, Armand und Virginie erlauben sich schreckliche Scherze mit uns.“

Valentine legte einen Arm um Julies Taille und drückte sie an sich, während Armand und Virginie sich fragende Blicke zu warfen. Wer würde es zuerst wagen, den Mund wieder aufzutun? Es war Virginie, die dieses Mal mehr Mut bewies: „Sehen Sie, Valentine. Und auch du, Julie. Wir wollen euch die Geschichte von Anfang an erzählen. Gestern abend saßen Armand und ich noch lange in der Bibliothek am Feuer.“

„Ja, und da kamen wir so ins Erzählen und da fragte sie mich nach Jérémy“, unterbrach Armand.

„Und er erzählte mir alles“, übernahm Virginie wieder, „von seinem plötzlichen Glück, wie er ruhiger wurde, nach Geld fragte und schließlich von diesem Gendarm am Ufer der Seine gefunden wurde. Und von seinen letzten Worten: ‚Gift’ und der Name ‚Talle-Munie’. Armand vermutet, daß er die Comtesse de la Talle-Munie meinte, und daß sie seine Geliebte und seine Mörderin sei, aber Armand konnte sie nicht verhaften, weil niemand beweisen kann, daß sie es wirklich war.“ Virginie sprach immer schneller, aus Angst, jemand anders als Armand könne sie unterbrechen. „Also kam ich auf die Idee, daß man sie ständig beobachten müsse, vielleicht sogar belauschen. Ich habe das mal gemacht bei einem Clochard, von dem ich die Ahnung hatte, er hätte ein Stückchen Stoff, das ich als Decke benutzte, aus meiner Holzkiste gestohlen. Und tatsächlich hatte er es dann auch in seinem Schlupfloch versteckt!“

„Und wer“, lenkte Armand Virginies Rede schnell wieder ab, „könnte eine Comtesse besser beobachten als ein Hausmädchen, das in ihrem eigenen Haus überall herumlaufen kann, ohne bemerkt zu werden und ohne gegen ein Gesetz zu verstoßen?“

Valentine konnte ihm schwer das Recht abschlagen, dennoch wand sie sich in Zweifeln. Und Julie schien langsam zu verstehen.

„Was denn, ihr wollt Virginie in dieses Haus lassen, zu dieser Frau? Was, wenn sie sie auch umbringt?“ fragte sie ein klein wenig naiv.

„Aber warum sollte sie das tun? Sie braucht schließlich auch Hausmädchen, die sauber machen und das Essen auf den Tisch stellen! Und wer weiß, solange wir nichts beweisen können – vielleicht war sie es ja gar nicht!“ überlegte Virginie. 

„Außerdem werde ich ständig in ihrer Nähe sein. Wir treffen uns laufend, um Informationen auszutauschen. Und falls wirklich der Verdacht besteht, daß Virginie etwas zu stoßen könnte, werde ich sie sofort dort weg holen und in Sicherheit bringen!“ wandte Armand ein. Doch Valentines Gesicht verhärtete sich plötzlich.

„Ich kann dir nicht erlauben, in dieses Haus zu gehen! Das ist ein unsinniger Plan, er ist unsinnig und gefährlich.“ Sie blickte Virginie in die Augen und schlug mit der Faust auf den Tisch, was ihre Aussage unterstreichen sollte, aber leider beinahe lächerlich wirkte ob des schwachen Schlages und des leisen Geräuschs, daß er verursachte. Doch ihre Augen, groß und warm, versuchten Virginie ganz einzufangen und zu zwingen, Vernunft anzunehmen.

Wie könne sie ihr das antun? Kaum geliebt, sich der Liebe so schnell entziehen? Und Valentines Herz dabei mit sich nehmen?

Virginie erwiderte den Blick, beruhigend, sanft, doch standhaft bleibend.

„Ich muß etwas tun, um meine Dankbarkeit zu beweisen, euch allen gegenüber.“ flüsterte sie.

„Daß du hier bist, ist Dank genug.“ Valentines Stimme zitterte. Sie streckte ihre Hand aus, Virginie reichte ihr die ihre entgegen.

„Mir reicht es noch lange nicht. Nur Taten brachten mich bisher im Leben weiter. Laßt mich eure Liebe verdienen.“

 Tränen näßten ihr Gesicht, als Valentine nach einer Weile besiegt und schweigend nickte. Die anderen hatten nur stumm dagestanden, kaum ein Wort vernommen, doch wußten sie, daß der Plan in die Tat umgesetzt werden sollte. Virginie würde in das Haus der Mörderin ziehen!

 

 

 

 

 

 

Kapitel IX

 

 

 

Doch bis es soweit sein sollte, war noch viel zu tun. Armand lief zu seinem Vorgesetzten und klärte ihn über die vergangenen Geschehnisse und sein zukünftiges Vorhaben auf. Er traf auf vollkommenes Verständnis und das Versprechen, soviel Zeit und Geld wie nötig zu bekommen und auch sonst alle mögliche Unterstützung.

Valentine ließ den Schneider und den Schuster noch einmal kommen und bestellte einfache Kleider und Schuhe bei ihnen. Cathérine und Julie hingegen klärten die lernbereite Virginie auf, wie sich ein Hausmädchen zu betragen hatte und auf welche Weise es sich am besten unhör- und unsichtbar machte.

Zehn Tage lang dauerten all diese Vorbereitungen und schließlich zeigte Virginie der Familie in einer achtstündigen Generalprobe, wieviel sie vom Wäschewaschen, Bügeln, Kochen, Gedecke auftragen, Bedienen und dem Umgang mit Höhergestellten gelernt hatte. Sie bewährte sich gut. Etwas hatte sie ja auch schon früher bei der Plaisseau gelernt.

Am Morgen darauf nun hatte die Stunde geschlagen. Virginie mußte Abschied nehmen von Valentine, Julie, Cathérine und der Köchin Barbette, die selbst auch viel von ihrem umhegten Wissen preis gegeben hatte. Selbst der Hausdiener Baptiste, in dem Virginie am
Abend ihrer Ankunft einen livrierten Lakai gesehen hatte, schien seine ewig verhärtete Miene zu erweichen, als Virginie ihm zum Abschied auf die Schultern klopfte.

Valentine und Julie wären gern mitgekommen, wenn Armand sie nachher in der Mietskutsche zu einer Ecke vor dem Haus der Comtesse fuhr. Doch schien das zu gefährlich. Großes Aufsehen mußte vermieden werden, sie könnten beobachtet und wiedererkannt werden. Es wäre doch seltsam, daß ein Mädchen aus einer schicken Kutsche aussteigt, Frauen in teuren Kleidern umarmt und kurze Zeit später als Magd arbeitet, meinte Virginie. So fanden die Umarmungen zuhause statt.

Valentine konnte sich nicht verkneifen, Virginie die letzten guten Ratschläge auf den Weg zu geben und Julie versteckte ihre rote Nase und die verweinten Augen permanent hinter einem blumenbestickten Taschentuch. Ein lautes Schluchzen wünschte ihrer neuen Freundin viel Glück.

Natürlich war auch Virginie traurig, ihrer neuen Familie sobald wieder Adieu sagen zu müssen, doch hielt sie ihre Tränen gut zurück. Zu nervös machte sie die bevorstehende Ankunft in einem Haus, daß sie nicht kannte und bei einer Hausherrin, die sie eigentlich nicht kennenlernen wollte. Tapfer strich sie ihr schlichtes weißes Kleid aus grobem Leinen zurecht, schlug die Hacken ihrer braunen Holzschuhe hart aneinander und lächelte noch einmal aufmunternd in die Runde.

„Wird schon gut gehen“, riefen ihre beredten grünen Augen, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte, ihre braunen Locken zurückwarf und die Stufen vor dem Haus hinunterstieg auf die Mietskutsche zu. Armand, der auf sie gewartet hatte, öffnete den Verschlag, half ihr beim Einsteigen und kletterte selbst hinter ihr hinein.

Ein wehes „Mon Dieu“ entfuhr Valentines zitternden Lippen, als die Kutsche um die Ecke und somit ihrem Blick entschwand. 

 

Lange fuhren sie an der Seine entlang, die Kathedrale Notre-Dame-de-Paris im Rücken, bis die zwei Pferde die Kutsche um eine Kurve zogen und stehenblieben.

„Sie müssen jetzt wieder um die Ecke zurück und dann noch ein Stückchen geradeaus, immer an der Seine entlang, bis sie zu einem dreistöckigen Haus mit großem Balkon an der oberen Etage kommen“, sprach Armand nüchtern.

„Mit rosafarbenem Giebel, ich weiß“, setzte Virginie lächelnd hinzu. Doch plötzlich wurde Armand dringlich. Er rückte näher, nahm ihre Hand, ließ sie unschlüssig wieder los.

„Virginie, ich... Bitte, seien Sie vorsichtig.“ Er wollte vielmehr sagen, doch was, das wußte er nicht. Virginie schenkte ihm einen warmen Blick aus grünen Augen.

„Ich verspreche es Ihnen.“ Sie öffnete den Verschlag mit einer Hand und sprang behende auf die Straße. „An dieser Ecke, morgen. Adieu!“ flüsterte sie, schlug das Türchen zu und machte sich mit schnellen Schritten auf den Weg zu einem Haus mit rosafarbenem Giebel.

Nur nicht zurückblicken, dachte sie. Nur immer weiter laufen, laß das mulmige Gefühl im Bauch bloß nicht gewinnen! Lauf weiter, so als gäbe es dort einen Edelstein, den dir jemand schenken möchte.

Sich auf diese Art Mut zu sprechend, bog sie lebendig um die Ecke, lief ein paar Schritte weiter und blieb abrupt stehen. Zuerst sah sie es aus dem Blickwinkel, ein großes Haus, drei Stockwerke, ein großer Balkon am zweiten und ein rosafarbener Giebel.

Langsam stieg sie die Stufen zur Tür hinauf, doch nein, sie mußte doch zum Dienstboteneingang! Wo mochte der sein? Links neben der Treppe zeigte sich eine kleinere, schlichtere Tür, an die Virginie nun klopfte. Einige Augenblicke und ein weiteres, etwas lauteres Klopfen später öffnete ein vielleicht zwanzigjähriges Mädchen, also ein bißchen älter als sie. 

„Was kann ich für dich tun?“ fragte es munter.

„Äh, salut! Ich ... äh, habt ihr hier vielleicht eine Stelle frei?“

„Nun ja, wir suchen tatsächlich eine weitere Hilfe.“ Abschätzend ließ das Mädchen den Blick an Virginie herab und wieder hinauf gleiten. „Was kannst du denn so?“

„Ich kann kochen, putzen, Wäsche waschen, bügeln... ähm, und Essen servieren“, zählte Virginie auf. Das Mädchen lächelte spöttisch.

„Also servieren dürfen hier nur die hochgestellten und extra ausgebildeten Leute. Und kochen! Erzähl das nur nicht Minette, der Köchin, die reißt dir den Kopf ab! Aber komm erst mal rein, ich muß dich der Wirtschafterin vorstellen, und hab nur keine Angst vor ihr, sie tut nur so griesgrämig, manchmal erwischt man sie, da ist sie plötzlich ganz lieb!“

Virginie ließ sich ins Haus und durch einen Gang ziehen, der bei weitem nicht so schön tapeziert war wie die Wände der Blunières. Kalter Stein auf dem Boden ließ das Klappern ihrer Holzschuhe laut erschallen. Das Mädchen vor ihr zog sie bis in einen kleinen kalten Raum, in dem eine alte dürre Frau hockte, die mit einem verbissenen Zug um den faltigen Mund aufsah und die Brauen zusammenzog, als sie die Ankömmlinge erblickte.

 

 

 

 

 

 

Kapitel X

 

 

 

„So!“ erklang eine rauhe Stimme aus dem kalten Mund dieser Madame Constant. „Du bist Virginie und willst für mich arbeiten. Weißt du eigentlich, was das bedeutet?“ herrschte sie sie an.

„Nun, ich denke, es bedeutet, Wäsche zu waschen, zu bleichen, zu stärken, zu bügeln und sie in Schränke zu legen.“ sagte Virginie ungerührt.

„So, denkst du das! Zuerst einmal möchte ich dir sagen, daß Denken für ein junges Mädchen sehr gefährlich und daher in diesem Hause streng verboten ist!“ zischelte die Alte. „Des Weiteren hast du nur am Donnerstag, Freitag und Sonnabend Wäsche zu waschen! Am Montag, Dienstag und Mittwoch wirst du den Boden im Flur des ersten und zweiten Stocks schrubben und den Teppich auf jeder einzelnen Stufe der Treppe von Fusseln befreien!“  

„Das bedeutet, ich darf hier arbeiten?“ folgerte Virginie erfreut. Die Alte wunderte sich ein bißchen über diese Euphorie, doch brubbelte sie ein kurzes Ja und entließ sie mit der Anweisung, sich weitere Anweisungen von Thérèse, dem Mädchen, das sie hergeführt hatte, zu holen.

Besagte Thérèse stand draußen neben der Tür und schien gelauscht zu haben, denn als Virginie aus dem Raum trat, fiel sie ihr glücklich um den Hals und rief, wie schön es doch sei, daß sie hier arbeiten dürfe, da sie sie vom ersten Augenblick an gemocht hatte. Dieser Anfall von Freude währte indes nicht lange, denn schon hatte Thérèse ihre Geschäftigkeit von vorher wieder erlangt und durchmaß den langen Flur mit weitausholenden Schritten, um der hinter ihr her tippelnden Virginie ihren Zuständigkeitsbereich zu zeigen.

„Hat sie dir einen Schreck eingejagt, die alte Constant?“ lästerte sie. „Wir müssen sie Madame nennen, obwohl sie eine Mademoiselle ist, denn geheiratet hat sie nie, das wüßten wir, aber sie will es so haben, wahrscheinlich, damit sie nicht für eine alte Jungfer gehalten wird, was sie aber ist, hier ist der Bedienstetenraum, da können wir uns ausruhen und essen in den Pausen, ja, das ist sie wirklich, denn wer schon so aussieht, der ist es auch, eine alte Jungfer, meine ich, hier ist die Küche, da drin ist Minette die Herrin, aber sie ist lieb, solange man nicht versucht, selbst was zu kochen außer Wasser, und außerdem ist sie schrecklich griesgrämig, ich meine die Constant, die ganze Zeit über, vielleicht will sie uns damit ja einschüchtern, aber wer fällt denn schon noch darauf rein, hier ist der erste Flur, den du schrubben sollst, und dann ist sie auch noch so furchtbar eingebildet, ich frag’ mich ja immer, worauf denn eigentlich, denn was hat sie denn schon gemacht, ich meine, sie ist doch genauso eine wie wir, na ja, außer, daß sie sich vielleicht hochgearbeitet hat, aber wer könnte das nicht von uns und außerdem ist sie ja auch sehr viel älter.“

So plapperte Thérèse, während sie Virginie nach rechts und links zeigend die wichtigsten Orte im Hause zeigte. Virginie selbst hatte kaum Zeit sich umzublicken, so schnell hastete Thérèse weiter. Sie wußte schon jetzt, sie würde sich hemmungslos verlaufen, wenn sie allein gelassen würde.

„Kannst du die alte Constant nicht überreden, daß du die ersten Tage mit mir zusammenarbeitest oder mich zumindest zu den Orten führst, an denen ich putzen und Wäsche waschen soll?“ fragte sie Thérèse zaghaft, sich ihrer Sprechweise bedienend.

„Hast wohl Angst dich zu verirren, was?“ lachte Thérèse. „Laß mal, Kleine, ich paß schon auf dich auf, und in Nullkommanix haste den Dreh sowieso raus.“

Das klang seltsam beruhigend. Und da das jetzt geklärt ist, ermahnte sich Virginie selbst, mußt du die Augen aufhalten! Wo ist die Comtesse? Wo wohnt sie, wo ißt sie, wo schläft sie, wo kleidet sie sich an? Und wer hilft ihr dabei?

„Was hast du hier eigentlich zu tun, Thérèse?“ fragte sie.

Es konnte nicht schaden, so schnell wie möglich an Informationen zu kommen. Armand würde sie schon morgen an der Ecke erwarten. Ach, mon Dieu, da fiel ihr ein, wie sollte sie sich aus dem Haus schleichen? Darüber mußte sie noch einmal gründlich nachdenken.

„Ich? Ach, ich bin so etwas wie ein Mädchen für alles, wo es Arbeit gibt, dort findet man mich, ich kann so was fast riechen, weißte, oder die Arbeit findet mich, das kann natürlich auch sein, dann wäre es genau andersherum, wo immer ich hingehe, da wartet Arbeit auf mich, allerdings könnte das auch heißen, daß ich die einzige bin, die hier arbeitet und keiner sonst was tut, weshalb alles an mir hängen bleibt, oder auch, daß ich schlampig bin und nie etwas richtig zu Ende bringe...“

„Hilfst du auch den Hausherren persönlich?“ unterbrach Virginie den allmählich beunruhigend philosophisch verlaufenden Redefluß des Mädchens. Sie waren an einer breiten Treppe angekommen, belegt mit dem von der Constant genannten Teppich, den Virginie von Dreck befreien sollte, und stiegen sie empor.

„Manchmal auch das, also der Comtesse, der gehört das Haus hier nämlich, der Comtesse de la Talle-Munie, sie ist Witwe, weißte, ihr Mann ist vor fünf Jahren gestorben, ich bin schon etwas länger hier, hab ihn noch ein bißchen gekannt, und seitdem wollte sie nicht mehr heiraten, und Kinder hat sie auch keine, nur ihre Freundin, die Marquise Joséphine Claire Marie Valesconte, wenn ich jetzt keinen Namen vergessen hab, aber Namen vergesse ich eigentlich nie, kann nur sein, daß sie mir nicht bekannt sind, und das passiert ja öfter, ich meine, bei den vielen Menschen auf der Welt, na ja, und davon kommen ’ne ganze Menge hier in das Haus, jeden Mittwoch und jeden Sonnabend, wenn die Comtesse ihre Gesellschaften gibt, da gibt’s eine ganze Menge zu sehen, da mußt du mal durch die Türlöcher schauen, hier fangen übrigens die Gemächer der Comtesse an, aber die kann ich dir jetzt nicht zeigen, weil ich glaube, sie ist zuhause, aber die sind schön, das kann ich dir sagen!“

Virginie murmelte ein Aha und merkte sich die vier Türen genau, die die Spannweite der ausholenden Geste ihrer neuen Freundin einschloß. Das Schlafzimmer, das Ankleidezimmer, das Empfangszimmer und ein kleiner Salon befanden sich dahinter, erfuhr sie von Thérèse.

Am Mittwoch und am Sonnabend also werden Gesellschaften gegeben. Heute war Dienstag, Mittwoch also schon morgen. Virginie würde ganz sicher durch die sogenannten Türlöcher lugen! Und wenn Thérèse ihr dann die Comtesse unter ihren Gästen zeigte, könnte sie es vielleicht schaffen, ungesehen in deren Räume zu gelangen.

Was sie dann dort machen würde, das müßte sie sich noch überlegen, aber es war ein großer Erfolg, schon jetzt so viel erfahren zu haben.

Freudig hüpfte Virginie Thérèse hinterher, als die ihr den Rest ihrer zukünftigen Arbeitsstätte zeigte: den zweiten Flur, den Waschraum mit den großen Holzzubern und mehreren schweren Bügeleisen, einem Ofen zum Erhitzen der Eisen und des Waschwassers und schließlich unzähligen langen Wäscheleinen. In dem selben Raum konnte man aber auch Putzmittel und Lappen finden, die sie an den anderen Tagen brauchen würde, an denen sie keine Wäsche zu waschen hatte. Thérèse klärte sie auch darüber auf, daß die Comtesse manchmal unbedingt sofort dieses oder jenes Kleid gesäubert und gebügelt haben möchte, selbst wenn sie es dann nicht anzieht, aber das sei ihre, Thérèses, Aufgabe und sie, Virginie, müsse sich darüber keine Sorgen machen, sie wolle es auch nur mal so gesagt haben.

Virginie fand das alles sehr aufregend und wie ein Schwamm sog sie jede noch so kleine Information über dieses Haus und seine Herrin auf, überdachte sie, klebte ein imaginäres Aktenzeichen darauf und sortierte es in Gedächtnisschubladen.

Es war spät geworden, es hatte lange gedauert und war sehr anstrengend gewesen, hinter Thérèse her zu trippeln und alles zu sehen und sich alles zu merken, was sie zeigte und erzählte. Schließlich sagte Thérèse: „Wir sind fertig“, und führte Virginie zurück in den Bedienstetenraum, an dem sie am Anfang ihres Besichtigungsrundganges vorübergegangen waren. Mehrere Personen saßen dort um einen rechteckigen Tisch aus grobem Holz herum, rührten geschäftig in Suppenschüsseln, aßen teilweise gierig, genossen teilweise bedächtig, blickten aber gemeinschaftlich auf, als die Mädchen eintraten.

„Das ist Virginie“, stellte Thérèse vor, „sie arbeitet ab heute hier.“

„Hallo, Virginie“, begrüßte ein Chor sie.

Schüchtern winkte Virginie in die Runde und lächelte.

„Na komm, setz dich hierhin, hast Hunger, was? Na hier, iß.“ Eine gemütliche dicke Frau sprach einsilbig, aber freundlich, fast mütterlich zu ihr und stellte ihr einen Napf voll duftenden Eintopfs vor die Nase.

„Vielen Dank“, freute sie sich und begann zu essen. Lächelnde Gesichter schienen sich mit ihr zu freuen, darüber, daß sie da war, ihnen Gesellschaft leistete, ihnen Arbeit abnahm, freundlich zu ihnen war.

Der Eintopf war zwar einfach, schmeckte aber großartig, als hätte Barbette ihn gekocht. Das wagte Virginie natürlich nicht laut zu sagen, sie vermutete die Köchin Minette in der Nähe, vielleicht war sie sogar die dicke Frau gewesen, die ihr den Napf gereicht hatte. Gesättigt und müde ließ sie sich von Thérèse den kalten Gang entlang, eine schmale steinerne Treppe hinauf in ihr Kämmerchen begleiten, das karg eingerichtet mit einem Tischchen, einer Kerze darauf, einem Hocker, einer Kommode, einem kleinen Guckloch als Fensterchen und einem Bett mit Strohmatratze Virginie doch irgendwie willkommen zu heißen schien. Sie dankte und verabschiedete sich von Thérèse, der es nach ihrem eigenen Bett gelüstete und die versprach, sie am nächsten Morgen zu wecken und wieder mit herunter zu nehmen.

Allein geblieben, zog Virginie sich aus, streifte das leinene Nachthemd über und kuschelte sich in das piekende, aber warme mit Heu gepolsterte Bett. Es war zwar weniger, als sie von den Blunières gewohnt war, doch weit mehr, als sie je von der Plaisseau, der dauernden Strohwitwe, die sie als Kleinkind aufgenommen hatte, erwarten durfte.

Was die Familie jetzt wohl tat? Nicht die Plaisseaus, die interessierten sie nicht, schon lange nicht mehr. Nein, die Blunières. Valentine, Julie und Armand natürlich. Dachten sie an sie? Sie würden jetzt wahrscheinlich gerade dinieren.

Virginie mußte leise kichern bei diesem Wort. Hatte es nie gehört und seitdem doch so oft getan. Sie dachte an diesen ersten Abend, das Gewitter, Armand, ihr Fuß, Valentine, das blaue Seidenkleid und schließlich Julie. Wann würde sie sie wiedersehen? Valentine und Julie, Armand würde sie ja morgen schon treffen.

Ach ja, sie mußte sich überlegen, wie sie sich unbemerkt hinausschleichen konnte. Würde Thérèse sie nicht den ganzen Tag begleiten? Sie hatte sie ja selbst darum gebeten!

Um neun Uhr würde er an der Ecke stehen, hatte er gesagt, und er würde pünktlich sein, dessen war sich Virginie ganz sicher. Und was hatte sie ihm nicht alles zu erzählen! Sie hatte schon beinahe das ganze Haus gesehen, wußte wo die Gemächer der Comtesse lagen.

Und morgen würde die Gesellschaft gegeben werden. Hoffentlich konnte sie nach oben schleichen! Und wenn sie hinter der Tür war, was würde sie finden? Giftfläschchen? Wahrscheinlich nicht, niemand – und schon gar keine Mörderin – würde Gift einfach so für alle sichtbar herumstehen lassen. Bestimmt hatte sie es versteckt.

Vielleicht gab es kleine Geheimfächer oder Türen in der Wand, die man erst sah, wenn sie sich öffneten und die man nur öffnen konnte, indem man einen bestimmten Hebel zog.

Virginie, die Phantasie geht mit dir durch, tadelte sie sich selbst. Sicher stand das Gift in einem Schränkchen, dessen Tür man nur mit einem Schlüssel öffnen konnte, den die Comtesse immer mit sich herum trug. Wenn es überhaupt Gift gab in diesem Hause! Wo bekam man Gift eigentlich her?

Solcherlei Gedanken wälzte Virginie, während sie allmählich einschlummerte.

 

 

 

 

 

 

Kapitel XI

 

 

 

Leises Klopfen weckte sie. Es war dunkel im Raum, verschlafen tastete sie sich vorsichtig zur Tür und öffnete sie. Blendendes Licht, so schien es ihr, strahlte ihr entgegen.

„Guten Morgen, Virginie, gut geschlafen? Ich hab ja nicht so gut geschlafen, muß daran liegen, daß ich gestern nicht so viel gearbeitet habe wie sonst, wie sollte ich auch, ich habe dich ja herumgeführt, oh, das sollte jetzt kein Vorwurf sein, ich bin ganz froh, daß ich nicht so viel arbeiten mußte, aber geschlafen habe ich gar nicht gut, war nicht so erschöpft wie sonst, was ja auch mal ganz schön ist.“

Thérèse mußte schon seit Stunden wach sein, um so munter drauf los plappern zu können, mutmaßte Virginie, zwang sich zu einem müden Lächeln, bat Thérèse mit der kleinen Kerze in der Hand herein, und fragte, wie spät es sei, während sie Kleid und Schuhe suchte.

„Um fünf ist es schon, na ja, oder kurz danach, wahrscheinlich schon halb sechs, ich werde um fünf geweckt, weißte, wenn die kleine Kirche da gegenüber anfängt, die Glocken zu jeder Stunde zu schlagen, ja, es ist noch dunkel, ich weiß, der August ist ja morgen zu Ende und wenn der September anfängt, dann merkt man auch wieder erst, daß die Tage kürzer werden und daher werden ja auch die Nächte länger und deswegen ist es jetzt noch dunkel.“

Virginie hatte sich angezogen, beendete die Morgentoilette mit einem kurzen Streichen der Bürste über die verfilzten Locken, deren Knoten sie nie ganz beseitigen konnte, und einem Wachreiben der Augen, die sich so gern wieder schließen wollten. Um fünf Uhr morgens aufstehen! Das konnte sie früher nur im Winter, notgedrungen, weil die Kälte sie erzittern ließ und sie laufen mußte, um warm zu werden. Thérèse hatte in der Tür gewartet, die kleine Kerze flackerte, spendete aber genügend Licht für die Mädchen, als sie die schmale Treppe hinunter und den Gang entlang liefen, hinein in den Gemeinschaftsraum, in dem andere schon saßen und Frühstück aßen.

Die vermeintliche Minette stellte einen großen Becher verdünnte Milch und einen Napf voll Haferschleim vor Virginie, die, noch immer müde, langsam den hölzernen Löffel nahm und zu essen begann. Sie wußte, sie mußte sich zum Essen zwingen, sie hatte hart zu arbeiten und niemand hatte ihr gesagt, wann sie zu Mittag aßen oder ob es zu der Zeit überhaupt etwas gab. Plötzlich fiel ihr Armand wieder ein. Um neun, Virginie, um neun!

„Thérèse, was ist heute meine Aufgabe?“ unterbrach sie den Redefluß ihrer Freundin, die gerade einem Hausdiener oder Lakaien oder Kutscher die neueste Eroberung eines nicht sehr tugendhaften Nähmädchens erzählte.

„Heute mußt du die Treppe putzen, also die Fussel und Krümel aufsammeln, am besten geht das mit einem Rechen, der ja eigentlich für das Laub im Garten ist, aber den benutzen wir immer nur für die Treppe, also ist er auch sauber, und dazu gehört auch das Geländer, das mußt du feucht abwischen und danach trocken rubbeln, dann ist das auch erledigt, und dann machst du dich an den Boden im ersten Flur heran, der muß sauber sein, weil doch heute die Gesellschaft gegeben wird und die Gäste da alle rüber laufen, dann ist er natürlich wieder schmutzig, aber das muß nicht deine Sorge sein, weil du ja morgen mit der Wäsche dran bist, das zeig ich dir dann morgen alles.“

„Und gibt es nicht eine Aufgabe, die mich nach draußen führt? Ich kenne die Umgebung hier ja gar nicht und möchte mich ein bißchen umsehen“, versuchte Virginie, sich ein Alibi zu verschaffen.

„Also eigentlich ja nicht, weil du ja hier im Haus putzen mußt, aber manchmal, da kannst du auch einfach eine Pause machen, also da hat keiner was dagegen, weil man muß ja Pausen machen, und wann du die machst, das ist den andern egal, die Hauptsache ist, daß du deine Arbeit schaffst und gut machst, und wenn dich aber einer bei zu vielen Pausen erwischt, dann gibt das eine Rüge, aber das sagt dann auch keiner der Constant, also keiner von uns, wenn sie dich selbst erwischt, wie du stundenlang Pausen machst, dann ist das schlimm, dann zieht sie dir was vom Lohn ab und außerdem lungert sie dann ständig hier herum, um alle zu beobachten, also mach das lieber nicht, das wäre auch uns gegenüber gemein, aber ich glaube ja nicht, daß du so eine bist.“

„Danke!“ lächelte Virginie vergnügt.

Sie konnte also gehen, wann und wohin immer sie wollte, solange sie ihre Arbeit machte. Und die würde sie bestimmt machen, arbeiten konnte sie! Erfreut schlang sie ihren Haferbrei herunter, trank die Milch so hastig, daß sie sich bekleckerte, gab den Napf und den Becher der vermeintlichen Minette und hüpfte zur Tür hinaus.

„He, warte“, rief Thérèse. “Ich muß dir doch den Weg zeigen, weil ich denke, du weißt nicht wohin du läufst, warte doch!”

Doch Virginie war schon außer Rufweite. Sie lief durch die Verbindungstür des Gesindetrakts zur Eingangshalle, in die die Gäste der Comtesse eingelassen und gebeten wurden, ihre Hüte abzulegen, und weiter die breite Treppe hinauf zum Flur des ersten Stockwerks. Dort war die mit der gleichen geblümten Tapete der Wände bezogene und damit fast unsichtbare Tür zum Waschraum.

Überraschenderweise fand Virginie sie auf Anhieb wieder.

Sie griff sich Lappen, Wassereimer und Seife, lief zurück in den Flur und begann, den Boden zu scheuern. Dies war die erste Aufgabe, die sie an diesem Tage bewältigen sollte beziehungsweise eine der Aufgaben. Es blieb Virginie überlassen, womit sie anfing, und sie hatte den Flur gewählt, denn von hier aus hatte sie einen uneingeschränkten Blick zur großen Wanduhr, die majestätisch über der Eingangstür thronte.

Virginie konnte die Uhr zwar nicht lesen, zumindest hatte es sie niemand gelehrt, doch war ihr aufgefallen, daß die Uhr immer dann die volle Stunde schlug, wenn der große Zeiger sich gerade auf die Zwölf bewegt hatte und der kleine zur Zahl der Stunde zeigte.

Und Zahlen zu erkennen, hatte sie gelernt, die Plaisseau hatte es ihr in einer der wenigen Minuten des Gefühls familiärer Zusammengehörigkeit auf einem Einkaufszettel anhand der Preise der zu kaufenden Waren beigebracht. Sie mußte also loslaufen, wenn der große Zeiger nur noch wenige Schritte vor der Zwölf stand, um Armand pünktlich an der Ecke zu treffen, an der er sie am vorherigen Tag mit der Kutsche abgesetzt hatte.

Bis dahin schien es aber noch etwas Zeit zu sein, denn nach mehrmaligen Blicken zur Uhr erkannte Virginie, daß es ziemlich lange dauerte, bis der kleine Zeiger sich auch nur ein bißchen von der Sechs entfernte. Verbissen scheuerte sie weiter die hölzernen Dielen des Bodens. viel Dreck kam dabei nicht zusammen, nächste Woche mußte sie ihn ja auch an drei Tagen hintereinander putzen. Da konnte sie auch ruhig weniger Kraft anwenden, einfach nur mal mit dem Lappen darüber gehen. Hauptsache war, die Dielen würden sauber und niemand verdächtigte sie der Untätigkeit oder gar Faulheit.

Mit dem Boden des ersten Flurs war sie nun fertig, blieb die Treppe zu entfusseln, dann konnte sie weiterhin die Uhr im Auge behalten, wenn sie sich von oben nach unten vorarbeitete und sich ab und zu umdrehte. Der kleine Zeiger hatte sich schon merklich auf die Acht zu bewegt.

Virginie beschloß, mit dem kaum verdreckten Wasser des Bodens auch gleich das Geländer zu wischen, holte sich nur noch ein Frottierhandtuch aus dem Waschraum, um die feuchten Stellen gleich danach trocken zu rubbeln und zu polieren. Als diese Arbeit nun auch getan war, schaute sie sehnsüchtig zur Uhr. Der kleine Zeiger stand tatsächlich schon kurz vor der Neun, der große Zeiger hingegen zeigte genau darauf. Was mochte das nun bedeuten?

Aber da der Große sich ja immer nur in die gleiche Richtung bewegte, schlußfolgerte Virginie, daß er früher oder später sicher auf die Zwölf treffen und die Uhr zum Schlagen bringen würde. Es konnte nicht schaden, etwas früher an der Ecke zu stehen. Wer weiß, vielleicht würde Armand längst da sein?

Etwas hastig brachte sie die Putzutensilien in den Waschraum und eilte zurück in die Eingangshalle, prallte fast mit dem Hausdiener zusammen, der an der Tür stand und auf Besucher wartete, die Einlaß zu gewähren seine Aufgabe war. Grimmig in die Höhe gezogene Augenbrauen erinnerten Virginie, daß sie als Putzmädchen die Tür der Dienstboten zu benutzen habe. Mit einem entschuldigenden Lächeln machte sie auf dem Absatz kehrt, verschwand durch die Verbindungstür und vom Gesindetrakt aus durch den Eingang der Dienstboten nach draußen auf die Straße.

Es war ein heißer sonniger Tag. Virginie wartete auf eine kühlende Brise und sah hinaus auf die Seine. Grau und träge wand sich der breite Fluß wie eine große Schlange durch die Stadt. Wie ein alter Großvater, der schon zuviel von Frankreich gesehen hat, als daß ihn Vorkommnisse in Paris noch erschrecken konnten, dachte Virginie und schlug den Weg zur verabredeten Ecke ein. Tatsächlich stand Armand schon da und winkte ihr zu, als er sie kommen sah.

„Guten Tag, Virginie! Schön, Sie wieder zu sehen.“ Armand packte sie an den Schultern und für einen Augenblick glaubte sie, er würde sie an sich ziehen und umarmen. Doch er sah ihr nur glücklich in die Augen und lächelte freudig erregt.

Darüber war Virginie fast froh; sie hätte nicht gewußt, wie sie sich hätte verhalten sollen, hätte er es wirklich getan. Sie war sich kaum sicher, ob es ihr gefallen hätte. Sie mußte darüber noch einmal gründlich nachdenken, versprach sie sich selbst, später, wenn sie allein in ihrer Kammer war.

Bonjour, ... äh“, begann Virginie. Wie sollte sie ihn nennen? Monsieur Blunière, Armand? Oder einfach nur Monsieur? Eine Antwort auf diese Frage blieb ihr erspart, denn der junge Mann nahm ihre Hand und zog sie mit sich, auf eine nahegelegene Haustür zu.

„Kommen Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen. Ich habe etwas arrangiert, das Ihnen unsere zukünftigen Treffen ein wenig erleichtern wird, wie ich hoffe. Es ist immerhin ein Risiko, sich auf offener Straße zu sehen. Wir könnten beobachtet werden.“

Armand öffnete die Haustür, ließ Virginie vor sich eintreten und bedeutete ihr, ihm die schmale Treppe hinauf zu folgen. In der zweiten Etage dieses Hauses stoppte er, holte einen Schlüssel aus der Tasche seiner eleganten elfenbeinfarbenen Weste und schloß die Tür zu einem kleinen Appartement auf. Virginie staunte über diese Wohnung. Spärlich eingerichtet zwar, mit einem runden Tisch in der Mitte des Raums, vier Stühlen darum, einem abgewetzten Sessel in der Ecke am Fenster und einem Gaslicht auf dem Fensterbrett, war es doch ein geräumiges Zimmer. Sogar ein Bett stand an der Wand rechts der Tür, mit einer schäbigen Matratze darauf.

„Ich dachte, es wäre vielleicht bequemer, sich fortan hier zu treffen“, sagte Armand, nahm einen weiteren, dem ersten gleichen Schlüssel heraus und reichte ihn Virginie. „Das ist Ihr Schlüssel. Wenn ich etwas später kommen sollte, dann sollen Sie nicht vor der Tür auf mich warten müssen. Und falls Sie mir etwas außerhalb der Treffzeiten mitteilen möchten, dann legen Sie mir einfach eine Nachricht auf den Tisch. Zu diesem Zweck möchte ich Ihnen noch etwas schenken.“ Und er holte aus der anderen Tasche seiner Weste ein kleines, hübsch in grünes Leinen gebundenes Notizbuch und einen Bleistift hervor. „Hier. Darein können Sie alle Informationen schreiben, die Ihnen wichtig erscheinen. Oder Sie reißen ein Blatt Papier heraus und hinterlegen es mir hier.“

Virginie wußte kaum, wie ihr geschah. Er schenkte ihr etwas! Etwas, daß ihr beider Geheimnis beinhalten und fördern sollte. Und es war ein wirklich wunderschönes Büchlein. Sie hielt es in Händen und strich mit einem Finger über den weichen Einband. Wie sollte sie ihm nur erklären, daß sie gar nicht schreiben konnte?

„Äh, danke. Danke schön!“ sagte sie einfach und lächelte ihm ehrlich zu. Falls es einiges zu Schreiben gab, dann würde sie sich eben etwas einfallen lassen. Schließlich war sie nicht auf den Kopf gefallen!

Armand rückte ihr einen Stuhl zurecht und setzte sich ihr gegenüber, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt.

„Und? Wie geht es Ihnen? Behandelt man Sie höflich?“ Erwartungsvoll starrte er sie an.

„Nun, ja.“ Etwas unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl herum. Jetzt galt es, ihre erste Bewährungsprobe! Hatte sie wirklich schon echte Informationen zu erzählen? Wo sollte sie anfangen? Sie beschloß, erst einmal seine Frage zu beantworten. Alles Weitere würde sich schon ergeben.

„Ja, man behandelt mich sehr höflich.“ Sie mußte an die alte Constant denken. Doch eigentlich hatte sie sie auch höflich behandelt, zumindest nicht sehr grob.

„Ja, ich bin froh, daß ich tatsächlich dort arbeiten darf. Sonst wäre ja der ganze Plan schon gescheitert! Ich bin dafür zuständig, Böden zu schrubben und Wäsche zu waschen. Ach, und die Treppe zu entfusseln. Die Böden sind einfach sauber zu halten. Wie das mit der Wäsche ist, weiß ich noch nicht, die kommt erst morgen dran.“

Wider ihrer Erwartung fiel ihr das Reden sehr leicht. Vielleicht hatte sie sich ein bißchen bei Thérèse angesteckt?

„Und ich habe auch schon eine Freundin gefunden. Sie hat mir gestern das ganze Haus gezeigt, und so weiß ich jetzt schon, wo sich die Gemächer der Comtesse befinden. Ja, und morgen gibt sie eine große Gesellschaft, das macht sie immer mittwochs und sonnabends. Ich hoffe, ich kann mich morgen abend in ihr Zimmer schleichen und etwas herumstöbern.“

Den letzten Satz hatte sie beinahe geflüstert, um die Spannung noch anzuheben, die sie in Armands größer werdenden Augen wachsen sah. Zumindest hielt sie es für Spannung.

„Oh Virginie, ich bitte Sie, seien Sie um Himmels willen vorsichtig! Sie scheinen sehr mutig zu sein, aber Sie müssen aufpassen. Wenn diese Comtesse wirklich eine Mörderin ist, wie wir es vermuten, dann ist sie eine sehr gefährliche Frau!“ Armands Ausdrucksweise wurde dringlicher, bevor er bemerkte, daß Virginie in kindlicher Art fragend die Augenbrauen hob.

„Oh, aber wie viele Informationen Sie jetzt schon haben“, beeilte er sich zu sagen. „Wieviel Sie in so kurzer Zeit in Erfahrung bringen konnten. Das ist einfach großartig. Ich freue mich, eine so tüchtige Mitarbeiterin bekommen zu haben!“

Virginie sonnte sich Armands Ehrungen. Soviel Lob hatte ihr noch nie jemand zukommen lassen. Fast erschrocken zuckte sie ein bißchen, als er ihre auf dem Tisch ausgestreckte Hand in seine nahm und forschend ihren Blick suchte.

„Virginie, ich... äh, wir alle machen uns große Sorgen um Sie. Wir denken Tag und Nacht darüber nach, was Ihnen alles zustoßen könnte und wir reden über nichts anderes mehr. Ich bitte Sie, denken Sie noch einmal ganz genau darüber nach: Möchten Sie wirklich weiter machen?“

In seinen Augen las sie tatsächlich eine gewisse Furchtsamkeit. Sie konnte sich nicht erklären, warum. Ja, sicher, diese Dame, ihre neue Arbeitgeberin könnte gefährlich sein. Aber sie würde sich doch nicht an ihr vergreifen! Um sich selbst gegenüber ganz ehrlich zu sein, konnte sie keinen Teil ihres Körpers finden, der auch nur im Entferntesten an eine greifbare Gefahr glaubte.

„Ja, selbstverständlich möchte ich weiter machen. Die bloße Sorge um eine Notlage reicht mir noch lange nicht als Grund, aufzugeben. Wir haben doch auch gerade erst angefangen! Und selbst wenn ich irgendwann einmal auf unverständliche Weise wirklich angegriffen werden sollte, dann – und das können Sie mir getrost glauben! – dann weiß ich mich zu wehren!“ Trotzig erhob sie ihr Kinn. Armand sollte wissen, daß sie keinen Widerspruch mehr duldete. Er schien es zu ahnen, denn er seufzte tief.

„Also gut“, gab er nach, „aber falls Sie auch nur den Verdacht haben sollten, jemand könnte Ihnen etwas antun, weil Sie zu viel wissen oder warum auch immer, dann kommen Sie bitte sofort hierher gelaufen und schließen die Tür hinter sich ab. Vergessen Sie nicht, nur ich habe einen zweiten Schlüssel! Virginie, bitte, versprechen Sie es mir.“ Armand hielt noch immer ihre Hand in der seinen. Als er den letzten Satz sprach, drückte er sie ganz sacht, flehend, bei jedem Wort.

„Ich verspreche es“, erklärte Virginie feierlich und hoffte, diese Angelegenheit wäre damit für immer aus der Welt. Was glaubte er denn? Daß sie ein kleines Püppchen wäre, das bei jeder minimalen Anstrengung zerbrechen könnte? Was wußte er denn von den Straßen von Paris, auf denen sie aufgewachsen war? Von den Kämpfen mit den viel größeren elenden, versoffenen Männern, mit denen sie sich um ihre kleine Holzkiste streiten mußte, vor allem im Winter, oder wenn es regnete? Sollte diese angebliche Gefahr doch kommen! Sie würde ihm zeigen, wozu sie fähig war!

Immer noch ein bißchen beleidigt, griff sie nach dem grünen Büchlein, den Bleistiften und dem kleinen Schlüssel. Sie wandte sich schon zur Tür, als ihr noch etwas einfiel: „Wann sehen wir uns wieder?“

Armand lächelte freundlich, wenn auch noch immer ein wenig sorgenvoll.

„Wie wäre es mit morgen um dieselbe Zeit? Dann können Sie mir von der Gesellschaft erzählen.“

„Ich weiß nicht, ob ich es um neun schaffe. Morgen ist mein erster Wäschetag. Ich muß erst sehen, wann ich Pause machen kann.“ Mit diesen Worten war sie schon im Treppenhaus und zog die Tür zu. Er sollte ruhig noch einmal hören, daß sie harte Arbeit zu leisten hatte, um ihm helfen zu können. Natürlich half sie ihm gern – aber er sollte es ruhig noch einmal hören!

 

 

 

 

 

 

Kapitel XII

 

 

 

Gegen halb zehn schon kehrte sie zurück. Den Teppich der Treppe hatte sie bis ein Uhr geschafft, als Thérèse sie abholte und mit in den Gemeinschaftsraum zum Mittagessen nahm. Es gab heiße Rinderbouillon und frisches feuchtes Brot mit knuspriger Kruste. Die vermeintliche Minette erwies sich als die wirkliche Minette, als Virginie verschlagen fragte, ob die Köchin in der Nähe sei, sie wolle ihr ein Kompliment machen.

Danach saßen alle noch ein bißchen herum, ruhten sich aus, erzählten sich Geschichten oder schlummerten teilweise sogar ein. Um zwei gingen alle wieder an ihre Arbeit und Virginie hatte den Boden des zweiten Flurs schon anderthalb Stunden später sauber geschrubbt. Daß sie so früh fertig werden sollte, hatte sie nicht gedacht. Was sollte sie denn jetzt noch tun? Zweimal Flurboden wischen und die Treppe sauber halten, das wurde von ihr verlangt. Dann hatte sie jetzt also schon Feierabend?

Sie überlegte, Thérèse zu suchen und sich diesen Gedanken bestätigen zu lassen, als ihr Blick auf die Türen der Gemächer der Comtesse wanderte. Ob sie wohl darin weilte? Bis jetzt hatte Virginie noch keinen aus der gehobenen Klasse in diesem Haus gesehen. Und sie hatte doch die ganze Zeit an genau den Stellen gearbeitet, an denen jeder Hausbewohner und jeder Gast hätten vorbeikommen müssen. Sicher stand die Comtesse in ihrem vornehmen Ankleidezimmer und überlegte, was sie wohl am Abend anziehen sollte, welches seidige Kleid, welche spitzenbesetzte Handschuhe zur Gesellschaft passen würden.

Einem kurzen Impuls ihrer Tapferkeit nachgebend, schlich sie sich an die Tür, die von der Kleiderkammer auf den Flur hinaus führte. Sie zögerte kurz, legte dann ihr Ohr an das warme lackierte Holz. Sekundenlang hörte sie nichts, keine Stimmen, niemand lief umher. Sie merkte erst, daß sie den Atem anhielt, als sie plötzlich nach Luft schnappte.

Ein lautes knackendes Geräusch ließ sie zusammenzucken. So leise sie konnte und doch so schnell ihre Beine sie trugen, rannte sie zum Waschraum und versteckte sich dort, die Tür einen Spalt geöffnet lassend, um keinen Laut zu verursachen, vielleicht auch, um selbst lauschen zu können.

Nichts rührte sich. Niemand öffnete die Tür zum Ankleidezimmer der Comtesse, niemand war zu sehen.

Erleichtert ließ Virginie sich an der Wand entlang zu Boden gleiten. Das war noch einmal gut gegangen! Was eigentlich? War doch gar nichts passiert. Und sie lachte laut über ihre eigene dumme Schreckhaftigkeit. Falls sie heute abend wirklich hier hoch schleichen und es bis in die Gemächer der Hausherrin schaffen sollte, dann durfte ihr das aber auf keinen Fall noch einmal passieren!

So, jetzt wollte sie aber wirklich Thérèse suchen. Sie fand sie im Gemeinschaftsraum, plappernd mit einem anderen Mädchen. Virginie setzte sich, durch ein Lächeln aufgefordert, neben sie, stützte das Kinn auf die Ellenbogen und hörte mit halbem Ohr zu. Es drehte sich noch immer um das nicht so tugendhafte Nähmädchen aus der Nachbarschaft, von dem Thérèse heute morgen schon einem männlichen Bediensteten erzählt hatte.

„Rosalie, du glaubst es nicht, dieses Mädel nimmt also den Handschuh von Madame la Comtesse, den sie ja längst hätte fertig haben sollen, und sticht mit der Nadel drauf ein, und erzählt mir scheinbar ganz nebenbei von Madames Parfumeur, daß sie da war und so, weißte, und daß sie jetzt auch weiß, wo der ist, als ob ich das nicht wüßte, war ja oft genug da, um Madames Bestellung zu holen und ihr ein paar Pröbchen mitzunehmen, und da sagt doch dieses Mädel, weißte, dieses Nähmädel, sagt die mir, sie würde soviel Geld verdienen mit ihren läppischen Nähten, daß sie nicht mal eine Woche sparen müßte, um sich selbst eine Bestellung zu machen, also selbst anfertigen zu lassen, weißte, der Parfumeur muß das doch alles erst mischen und so, das kostet doch ein Heidengeld, und ja ja, die selbst verdient so viel, alles Quatsch, das hatse von ihrem Bäckerlehrling, der mit den roten Haaren, weißte, und weißte auch, wo der das her hat, der klaut das Geld, der klaut die ganze Zeit bei seinem Lehrmeister, und der alte Meister, kennste doch, den alten Rouchedeau, der ist so blind, der merkt das nicht, aber ich sag dir, wenn die so was noch mal sagt, dann nehm ich was von Madames Parfum, schmier mich damit ein, weißte, und statte ihrem Lehrling, den mit den roten Haaren, mal einen Besuch ab, oder noch besser, dem Meister, und dann erzähl ich dem mal was...“

Virginie hörte schon längst nicht mehr zu. Ihr Gesicht war tiefer in den Händen versunken. Sie langweilte sich. Gab es denn in diesem Haus nichts weiter zu tun? Vielleicht sollte sie mit ihrer Arbeit noch einmal von vorn anfangen.

Thérèses Ellenbogen in ihre Seite riß sie aus ihren Überlegungen.

„Na, Kleine, was machste hier, bist etwa schon fertig, das kann ja nicht sein, aber laß mal, das war ich am Anfang auch oft, bis die Leute mir gesagt haben, was ich dir jetzt sage: Arbeite langsamer! Und zwar so langsam, daß du zum Schluß schneller werden mußt, damit du’s bis zum Abendessen schaffst, das machen hier alle so, bloß nicht anstrengen, und das mußt du jetzt auch machen, denn wenn du schneller arbeitest als wir anderen, dann kommt uns die alte Constant auf die Schliche.“

„Hm“, machte Virginie, „wenn ich das früher gewußt hätte! Aber jetzt bin ich fertig – und mir ist unendlich langweilig. Gibt es nicht doch noch irgend etwas zu tun?“

„Na ja, ich hab nur noch mein bißchen Arbeit, das schaffe ich allein, Minette solltest du lieber nicht stören, sie hat’s nicht so gern, wenn Leute in der Küche sind, die sie nicht kennt und denen sie erst alles zeigen muß, aber Rosalie hier kannste helfen, die muß gleich den Tisch decken für die Gesellschaft, weißte, und alles fein herrichten und so“, meinte Thérèse mit einem Seitenblick auf das Mädchen neben ihr, das ihrem Gesichtsausdruck nach die schockierende Geschichte über das Nähmädchen und den Bäckerlehrling nicht ganz so erregend fand, wie es Thérèse wohl gern gehabt hätte. Rosalie lächelte sofort und beeilte sich zu sagen, wenn Virginie sich wirklich so sehr langweilen würde, hätte sie gegen ein bißchen Hilfe und Gesellschaft bei der Arbeit überhaupt nichts einzuwenden.

Virginie nahm gern an, so würde sie Gelegenheit bekommen, noch mehr vom Haus zu sehen. So lief sie also Rosalie hinterher, die sie durch die Verbindungstür in den Empfangssaal und von dort gleich rechts der Treppe durch eine breite Tür in den Speisesaal führte. Eine riesige Tafel in der Mitte, länger und breiter noch als die in der Blunière’schen Bibliothek, nahm beinahe den ganzen Raum ein. Lederbezogene Lehnstühle, unzählige, wie Virginie es schien, säumten den Rand des Tisches, auf dem sich eine lange weiße Tischdecke und mehrere quadratische Spitzendeckchen ausbreiteten.

Rosalie verschwand am hinteren Ende des Speisesaales in einer kleinen Kammer, die saubere Teller, Besteck und wertvolle Kristallgläser unterschiedlichster Art beherbergte und außerdem einen direkten Durchgang zur Küche hatte, wo Minette schon eifrig wirtschaftete. Das Mädchen legte Virginie einen großen Stapel schwerer goldberandeter Teller in die ausgestreckten Arme, griff sich selbst einen Korb voll silbernen Bestecks und wies Virginie an, jedem Stuhl einen Teller vorzusetzen. Diese Aufgabe vollbracht, wurde Virginie wiederum in die Kammer geschickt, um einen Stapel weiterer Teller, tiefere diesmal, herauszuholen und auf den schon bereit gelegten Tellern zu verteilen. Auf diese tieferen nun kamen feine Porzellanschälchen. Virginie brauchte nicht zu fragen, wozu all dieses Geschirr nutze sein sollte; sie hatte es bei den Blunières gelernt. Die Schalen waren für den Salat, die tiefen Teller für die Suppe und die flachen für den Fisch. Danach würde ein Gang oder mehrere mit Schwein, Rind, Wild oder Geflügel folgen, dafür jedoch hatten Hausdiener vorher den gesamten Tisch abzuräumen und erneut zu decken.

„Wann werden denn die Gäste kommen?“ fragte Virginie ungeduldig. Sie konnte es kaum noch erwarten, durch die von Thérèse erwähnten Türlöcher zu lugen, die Comtesse zu entdecken und dann ihren großen geheimen Auftrag in deren Gemächern durchzuführen.

„Na ja“, überlegte Rosalie, „es ist jetzt um sechs oder so, sie essen um neun oder so, wahrscheinlich sind jetzt schon welche da. Wenn, dann sind sie im Salon hier nebenan, oder aber im Salon der Comtesse, wenn es enge Freunde sind.“

„Du weißt aber gut Bescheid“, meinte Virginie anerkennend. „Dienst du der Comtesse persönlich?“ Vielleicht würde von ihr ja mehr zu erfahren sein, als von Thérèse, die zwar überall, aber irgendwie auch nirgends zu arbeiten hatte. Rosalie schien geschmeichelt.

„Also eigentlich ja nicht. Ich putze nur in den Salons und da bin ich schon ab und zu mal einem feinen Herrn oder einer schicken Dame über den Weg gelaufen. Und die Comtesse selber kennt mich auch. Die ist da nicht böse, wenn ich aus Versehen in den Salon komme und putzen will, wenn noch jemand da ist. Sie sagt dann ‚husch, husch, komm später wieder’ und lächelt mir zu. Meistens ist ja auch nur die eine da.“

„Die eine? Wer?“ fragte Virginie, plötzlich aufgeregt. Vielleicht war das ein wichtiger Hinweis. Ach komm schon, Rosalie! Sag einen Namen!

„Äh, na ja...“

Virginie ertappte sich, wie sie mit dem rechten Fuß unruhig auf und ab wippte.

„Kennst du ihren Namen? Oder wie sieht sie aus?“ Sie mußte sich zusammennehmen, um ihre Nervosität nicht preis zu geben.

„Na, ich glaube“, begann Rosalie langsam. Sie blickte zur Decke, als könnte sie dort etwas ablesen. „Ich glaube, Thérèse hat ihn mal genannt. Wir sollten sie fragen. Sie weiß doch immer alle Namen. Ganz bestimmt ist sie auch auf der Gesellschaft heute. Eigentlich ist sie immer hier. Warum interessiert dich das so?“

„Ach, nur so.“

Virginie mußte vorsichtiger sein. Paß bloß auf, mahnte sie sich. Aber was Rosalie ihr da erzählt hatte, über diese Frau, die eigentlich immer da war, das konnte doch nur die Freundin der Comtesse sein, von der Thérèse auch ihr gegenüber schon gesprochen hatte. Gestern war das gewesen, an ihrem ersten Arbeitstag, als sie ihr alles gezeigt hatte. Aber wie hatte sie sie genannt? Sie hatte einen Namen genannt, Virginie war sich vollkommen sicher, aber wie lautete er?

Wenn sie nur darauf käme, nur den Anfang vielleicht? Nein, hoffnungslos. Da war nichts. Sie mußte Thérèse noch einmal fragen.

 

 

 

 

 

 

Fortsetzung